Von Br. Sebastian Zack
Loge „Zu den Drei Pfeilen“ Nr. 164, Nürnberg
Nürnberg/Tokyo. Tatami statt Teppich, Schweigen statt Eile, Disziplin statt Pose: Wer japanische Logen betritt, bemerkt schnell, dass hier andere kulturelle Kräfte wirken – und doch derselbe geistige Kern spürbar ist. Ein persönlicher Reisebericht aus Osaka und Tokio erzählt von verschlossenen Türen, stiller Vorbereitung und dem Moment, in dem Vertrauen entsteht. Was man in Japan nicht einfordert, sondern erwirbt, erschließt sich erst am Ende der Reise.
Japan ist für mich kein Reiseziel, das man abhakt, sondern ein Lebensraum. Ich habe dort gelebt, gearbeitet und studiert, bin mit einer Japanerin verheiratet – Japan ist für mich zweite Heimat. Mein Blick galt dabei nie allein dem Sichtbaren, sondern der inneren Haltung der Menschen, ihrer Philosophie und den religiösen Strömungen des Shintō und des Buddhismus, die den japanischen Alltag bis heute prägen.
Als ich Freimaurer wurde, entstand früh der Wunsch, diese persönliche Verbindung mit meiner maurerischen Arbeit zu verknüpfen. 2023 versuchte ich erstmals, während unserer Hochzeitsreise, als Geselle eine Loge in Japan zu besuchen. Ich ging davon aus, dass Offenheit und Kommunikation ausreichen würden. Die Antwort war freundlich, respektvoll – und eindeutig: Man freue sich, mich als Bruder willkommen zu heißen, sobald ich Meister sei.
Die Absage war enttäuschend, aber folgerichtig. Ich akzeptierte sie. Zwei Jahre später, 2025, änderte sich die Situation grundlegend. Als Meister wandte ich mich offiziell über unsere Großloge an die japanische Freimaurerei, verwies auf meine Sprachkenntnisse und mein kulturelles Verständnis. Dieses Mal öffneten sich Türen.
Osaka – Rituale, Raum und Respekt
Osaka war meine erste Station – und eine sehr positive Erfahrung. Der vorbereitende E-Mail-Verkehr war höflich und korrekt, aber sparsam an Details. Ich entschied mich bewusst, nicht alles vorab klären zu wollen, sondern mich auf das einzulassen, was kommt.
Vor Ort wurde rasch deutlich, in welchem Rahmen gearbeitet wurde: Zahlreiche Großbeamte waren anwesend, ebenso der Großmeister Japans. Anlass war eine Dreierarbeit mit der Erhebung zweier neuer Meister.
Schon der Raum wirkte fremd und zugleich stimmig: Tatami-Matten, Schuhe ausziehen, eine klare, zurückhaltende japanische Ästhetik. Auch die äußere Arbeit unterschied sich von meiner deutschen Erfahrung. Den hohen Hut trug ausschließlich der Hammerführende. Ich erklärte kurz unsere Praxis, entschied mich dann aber bewusst, mich der lokalen Form anzupassen.
Die Prüfungen verliefen anders als gewohnt. Worte und Zeichen unterschieden sich deutlich, einzig der Griff war identisch. Es gab keinen klassischen Redner; stattdessen las ein Bruder Bibelstellen, Zitate und Texte. Die gesamte Arbeit wirkte stärker amerikanisch geprägt, zugleich ruhig, konzentriert und ernsthaft.
Ein markanter Unterschied zeigte sich auch im Umgang mit Handschuhen: Sie wurden nicht durchgängig getragen, sondern gezielt bei Aufnahmen, Beförderungen und Erhebungen eingesetzt.
Besonders wertvoll war der Austausch nach der Arbeit beim gemeinsamen Essen. In dieser informellen Atmosphäre entstanden intensive Gespräche mit dem Großmeister und mehreren Großbeamten – offen, aufmerksam, getragen von gegenseitigem Respekt.

Bruder Sebastian Zack von der Nürnberger Loge „Zu den Drei Pfeilen“ bringt aus Osaka und Tokio unvergessliche Eindrücke von einem Besuch japanischer Logen mit. Foto: Sebastian Zack
Open House der Großloge in Tokio
Mein Aufenthalt in Tokio gliederte sich in zwei sehr unterschiedliche, aber gleichermaßen prägende Erfahrungen. Das Open House war eine bewusste Initiative des amtierenden Großmeisters. Ziel war es, die Freimaurerei in Japan transparenter zu machen, Vorbehalte abzubauen und gezielt jüngere Suchende anzusprechen.
Über den Tag verteilt fanden strukturierte Informationsveranstaltungen statt. Es wurde offen erklärt, was eine Loge ist, wie Freimaurerei arbeitet, wie ihre Geschichte in Japan aussieht und worin sich blaue und rote Maurerei unterscheiden. Im Logenhaus gibt es dafür getrennte Tempelräume.
Auffällig war der hohe Anteil an Frauen. Viele nahmen aus eigenem Interesse teil, andere begleiteten ihre Partner. Die Atmosphäre war offen, ernsthaft und von ehrlicher Neugier geprägt. Brüder aus ganz Japan waren anwesend. Mehrere Großbeamte und Brüder aus Osaka erkannten mich wieder – die Weltbruderkette wurde hier sehr konkret erfahrbar.
Das derzeitige Logenhaus ist ein Provisorium. Das ursprüngliche Gebäude musste aus baurechtlichen und erdbebentechnischen Gründen aufgegeben werden. Ein Neubau ist geplant.
Tokyo Masonic Lodge No. 2 – Drei Initiationen an einem Tag
Der zweite Teil meines Aufenthalts führte mich in die Tokyo Masonic Lodge No. 2. An einem einzigen Tag fanden dort drei Initiationen statt – eine enorme Belastung für die Brüder, für mich eine tief prägende Erfahrung.
Der äußere Rahmen wich deutlich von europäischen Logen ab. Es gab keine Kerzen, sondern elektrische Beleuchtung. Der Altar stand zentral im Raum, ein Teppich fehlte, der Tempelraum war deutlich größer als in deutschen Logen.
Was mich besonders beeindruckte, war die innere Disziplin. Alle Beamten kannten ihre Texte auswendig, Schrittfolgen und Bewegungen waren präzise einstudiert. Die gesamte Arbeit wirkte hochkonzentriert – in ihrer Haltung erinnerte sie stark an den Kampfsport.
Die Rituale unterschieden sich erheblich von der mir vertrauten Praxis: Abläufe, Symbolik, Kleidung der Suchenden und der Schwur waren anders ausgeprägt, aber in sich vollkommen stimmig. Ich wurde an diesem Tag in allen drei Graden geprüft.
Nach der Arbeit wurde Gemeinschaft gelebt. Meine Frau und ich wurden eingeladen, den Abend gemeinsam mit den Brüdern zu verbringen.
Fazit – Haltung statt Anspruch
Aus Japan nehme ich eine klare Erkenntnis mit: Türen öffnen sich nicht durch Anspruch, sondern durch Haltung.
Respekt gegenüber der Kultur, echtes Interesse und Sorgfalt im Detail wurden wahrgenommen. Gespräche über Shintō und Buddhismus, bewusst gewählte Geschenke und Worte auf Japanisch waren Ausdruck dieser Haltung.
Dem Großmeister brachte ich eine Zigarre aus unserem Zigarrenzirkel mit, dem Meister vom Stuhl in Osaka einen freimaurerischen Whisky aus Nürnberg. Die neu aufgenommenen Brüder in Tokio erhielten kleine Geschenke aus Deutschland sowie Aufmerksamkeiten aus der Heimat meiner Frau, Kagawa.
Die Einladung zur Tokyo Masonic Lodge No. 2 entstand auf Grundlage von Vertrauen, das sich bereits in Osaka aufgebaut hatte.
Japanische Logen erlebte ich als familiär, diszipliniert und getragen. Die Ritualarbeit ist stark einstudiert, die Unterschiede zu europäischen Systemen erheblich – und verlangen Vorbereitung.
Für mich steht fest: Bei jeder weiteren Japanreise werde ich den Kontakt zu den Brüdern suchen. Diese Reise war keine Episode, sondern eine echte Erweiterung meiner maurerischen Arbeit.

Bruder Sebastian Zack von der Nürnberger Loge „Zu den Drei Pfeilen“ bringt aus Osaka und Tokio unvergessliche Eindrücke von einem Besuch japanischer Logen mit. Foto: Sebastian Zack
Freimaurerei in Japan – ein kurzer Überblick
Die Freimaurerei in Japan entstand im späten 19. Jahrhundert im Zuge der Öffnung des Landes gegenüber dem Westen. Erste Logen wurden vor allem von ausländischen Brüdern – insbesondere aus dem angelsächsischen Raum – gegründet. Bis heute ist die japanische Freimaurerei stark von britischen und amerikanischen Traditionen geprägt, was sich in Ritualen, Organisationsformen und der äußeren Arbeit widerspiegelt.
Die japanische Großloge arbeitet überwiegend in englischer Sprache, zugleich gibt es japanischsprachige Logen und rituelle Elemente, die an die kulturellen Gepflogenheiten des Landes angepasst sind. Charakteristisch ist eine hohe Disziplin in der Ritualarbeit, präzise einstudierte Abläufe und ein starkes Bewusstsein für Ordnung, Form und Respekt. Im Unterschied zu vielen europäischen Ländern ist die Freimaurerei in Japan vergleichsweise klein, aber sichtbar. Initiativen wie öffentliche Informationsveranstaltungen („Open House“) dienen gezielt dazu, Vorbehalte abzubauen und interessierten Suchenden einen transparenten Zugang zu ermöglichen. Auffällig ist dabei auch die Einbindung von Familienangehörigen und das offene Interesse von Frauen, wenngleich die reguläre Mitgliedschaft weiterhin Männern vorbehalten ist.
Die japanische Gesellschaft ist geprägt von Shintō und Buddhismus, deren Werte – Achtsamkeit, Harmonie, Disziplin und Respekt vor dem Gemeinwohl – sich in der Haltung vieler Brüder widerspiegeln. Diese kulturelle Prägung führt nicht zu einer Vermischung von Religion und Freimaurerei, wohl aber zu einer besonderen Ernsthaftigkeit und Konzentration in der Arbeit. Für ausländische Brüder gilt: Der Zugang zur japanischen Freimaurerei erfolgt nicht über formale Ansprüche, sondern über sorgfältige Vorbereitung, kulturelles Verständnis und respektvolle Kommunikation. Wer diese Haltung mitbringt, erlebt die japanischen Logen als offen, verbindlich und tief in ihrer jeweiligen Tradition verwurzelt.