Windhoek. Bruder Filmemacher Alexander Waldhelm folgt bei seinem Road-Trip durch Namibia zwei inneren Linien: seiner Faszination für exotische Entdeckungen – und der Gewissheit, dass es auch im südlichen Afrika Brüder gibt.

Der afrikanische Kontinent steht seit Jahren auf seiner to-do-Liste. Als ehemaliger Fallschirmjäger kennt er die nordafrikanische Hitze von Djerba, als historisch interessierter Bruder die Ambivalenz deutscher Kolonialspuren.

Was liegt in Afrika näher als das nicht freiwillig deutsch geprägte Namibia mit seinem afrikanischen Herzen? Ein Land, in dem Erinnerung und Gegenwart, Sehnsucht und Widersprüche, Landschaft und koloniale Architektur ineinanderfließen! Noch dazu, wenn ihm die Vereinigten Logen Kontakte zu Brüdern in Windhoek vermittelten …

Die unfassbar faszinierende Landschaft Namibias und die herzliche Brüderlichkeit sowohl der namibischen Freimaurer als auch der traditionell lebenden San beeindruckten Filmemacher Alexander Waldhelm bei seinem Road-Trip durch das südliche Afrika nachhaltig. Foto: Alexander Waldhelm

39 Minuten bis zur Tempelarbeit

Der Flug von Düsseldorf über Zürich mit Zwischenstation in Johannesburg nach Windhoek dauert 22 Stunden. Drei Stunden Verspätung. 39 Minuten bleiben vom Hotel bis zum Beginn der Tempelarbeit. Linksverkehr, Müdigkeit, Herzklopfen. Vier Minuten vor 20 Uhr tritt er ein.

Was er dort erleben darf, bezeichnet er als stärksten Moment der Reise: die Aufnahme eines neuen Bruders – des einzigen schwarzen Bruders, den er in diesen Tagen treffen sollte. Ein deutscher Name, eine namibische Biografie, ein afrikanischer Hintergrund. Die Szene wirkt wie eine stille Antwort auf all jene, die Freimaurerei auf Herkunft oder Hautfarbe reduzieren möchten.

Über die Vereinigten Großlogen hatte Waldhelm Kontakt aufgenommen. Er reist allein – bewusst, um flexibel zu sein. Drei Logen, zwei Orte, sieben Tage. Er ist überrascht, wie selbstverständlich Deutsch gesprochen wird. Vier von fünf Brüdern tadellos. Viele tragen Namen, die an die Ostseeküste oder das Ruhrgebiet erinnern – und doch sind sie namibische Staatsbürger.

Kleine Bruderschaft in großen Tempeln

Die Logen wirken wie Kathedralen einer klein gewordenen Gemeinschaft. Kaum mehr eine dreistellige Zahl von Brüdern im ganzen Land. Tempel, in denen eine Hundertschaft am rauen Stein hämmern könnten. Eine Tradition, die aus der deutschen Kolonialzeit stammt und heute unter dem Schutz der Großloge von Schottland weiterlebt – etwa in „Zur Hoffnung“ in Swakopmund oder „Zum Kreuz des Südens“ in Windhoek.

Die Gespräche über die Kolonialgeschichte sind zurückhaltend. Niemand verharmlost. Niemand ist stolz darauf. Man spürt eine Distanz – und den Wunsch, nicht mit der Vergangenheit identifiziert zu werden, sondern mit dem heutigen Namibia.

Die unfassbar faszinierende Landschaft Namibias und die herzliche Brüderlichkeit sowohl der namibischen Freimaurer als auch der traditionell lebenden San beeindruckten Filmemacher Alexander Waldhelm bei seinem Road-Trip durch das südliche Afrika nachhaltig. Foto: Alexander Waldhelm

Der Meilenschwindel und die Stille von Lüderitz

Von Windhoek führt der Weg nach Swakopmund und Walvis Bay, Flamingos im Watt, Pelikane über der Lagune, Nebel über dem Atlantik. Eine Küste wie aus einer norddeutschen Erinnerung gefallen. Dann Lüderitz. Hier landete 1883 der Bremer Kaufmann Adolf Lüderitz. Hier begann der „Meilenschwindel“, jener perfide Vertrag, bei dem aus englischen Meilen preußische wurden – und ein Orlam-Führer den Großteil seines Stammesgebietes verlor. Geschichte ist hier kein Kapitel, sondern Staub, der zwischen den Zähnen knirscht.

Weiter südlich: Helmeringhausen, Hammerstein, Klakrand – Orte mit deutschen Namen in afrikanischer Weite. Gegründet von Mitgliedern der Schutztruppe, die nach der gewaltsamen Niederschlagung von Aufständen blieben. Der Aufstand der Herero und Nama – ein Völkermord, der bis heute die Beziehungen zwischen Deutschland und Namibia prägt. Man kann diese Landschaft nicht durchfahren, ohne das zu wissen.

Und dann Kolmanskop. Eine Geisterstadt im Sperrgebiet. Anfang des 20. Jahrhunderts eine der reichsten Städte Afrikas, mit Ballsaal, Eisfabrik, Krankenhaus mit Röntgenstation – auch um Diamantendiebstahl zu kontrollieren. Millionen Karat wurden gefördert. Heute weht der Sand durch die herrschaftlichen Villen, als würde die Wüste langsam Besitz von der Hybris nehmen.

Acht Stunden Angst

Der größte Gegner ist aber nicht die Geschichte – sondern die Straße. 350 Kilometer Schotter, acht Stunden Fahrt, kaum Empfang. Ein Toyota Starlet zwischen Geländewagen. Jede Minute die Angst vor einem Reifenschaden. Einmal pro Stunde ein entgegenkommendes Fahrzeug. Kopfschüttelnde Blicke.

„Ich wusste nicht, dass ich durch Wüstenschotter fahren muss“, sagt Waldhelm und lacht. Es war eine Mischung aus Leichtsinn und Vertrauen. Vielleicht braucht es beides, um solche Reisen zu unternehmen.

Die unfassbar faszinierende Landschaft Namibias und die herzliche Brüderlichkeit sowohl der namibischen Freimaurer als auch der traditionell lebenden San beeindruckten Filmemacher Alexander Waldhelm bei seinem Road-Trip durch das südliche Afrika nachhaltig. Foto: Alexander Waldhelm

Begegnung mit den San

Ein Höhepunkt der Reise: die Tour mit Angehörigen der San. Am Abend im Hotel gebucht, am Morgen die Bestätigung – Alexander ist der einzige Teilnehmer. Vier traditionell gekleidete San, ein Übersetzer, Klicklaute wie aus einer anderen Zeit. Sie zeigen, wie man Wasser speichert, welche Wurzeln gegen Durchfall helfen, wie man Spuren liest. Sie lachen, als er schüchtern fragt, ob er fotografieren dürfe. „Fotografiere, bis dir die Finger bluten!“

Die San gelten als eine der ältesten Ethnien der Welt, seit 10.000 bis 25.000 Jahren im südlichen Afrika. Heute leben rund 38.000 in Namibia. Viele mussten ihre nomadische Lebensweise aufgeben, verloren Jagdgebiete, leben in Armut. Tourismusprojekte versuchen, Kultur zu bewahren – immer im Spannungsfeld zwischen Authentizität und Inszenierung.

Waldhelm beschreibt die Begegnung als stillen Unterricht in Demut. „Sie haben immer wieder betont, wie wichtig es ihnen ist, dass die Welt von ihrer Lebensweise erfährt.“ Als Regisseur habe es ihn schon manchmal in den Fingern gejuckt, zu drehen. Die Wüste, die Weite, dieser Moment auf einer Kuppe, als ihm die Aussicht den Atem raubt. Er steigt aus. Steht. Schaut. Tut nichts. Manchmal ist Nicht-Drehen die ehrlichste Form des Respekts.

Brüder in der Wüste

Was bleibt? Die Erfahrung, dass Freimaurerei selbst dort existiert, wo Welten zwischen uns liegen. Dass deutschstämmige Namibier ihre Tradition pflegen – nicht als koloniales Relikt, sondern als geistige Heimat. Dass man sich der Geschichte bewusst ist, ohne sie abschütteln zu können. Und dass Namibia ein Land ist, das Schönheit und Schuld, Aufbruch und Erinnerung in sich trägt.

Weltenbummler Waldhelm plant bereits seine nächsten Reisen. Indien soll folgen. Olympia 2032 in Australien: „Australien hat mich eigentlich nie interessiert“, meint er. Aber da ist die Mutter, die damit dem Vater seit Jahren in den Ohren liegt. Also spart der gute Sohn für den Flug ans andere Ende der Welt.

Die unfassbar faszinierende Landschaft Namibias und die herzliche Brüderlichkeit sowohl der namibischen Freimaurer als auch der traditionell lebenden San beeindruckten Filmemacher Alexander Waldhelm bei seinem Road-Trip durch das südliche Afrika nachhaltig. Foto: Alexander Waldhelm

Zur Person: Bruder Alexander Waldhelm

Geboren ist Alexander Waldhelm am 9. Juli 1975 in Oberhausen. Sohn eines Polizisten und einer Floristin. Abitur in Mülheim an der Ruhr, Studium der Medienwissenschaften und Germanistik an der Ruhr-Universität Bochum (Bachelor of Arts).

Waldhelm arbeitete zunächst als Journalist, Redakteur und Texter, heute ist er Mitarbeiter am Forschungszentrum Jülich. Er ist Vater von vier Kindern – und bekennender Freimaurer.

Filmografie (Auswahl):
Pottkinder – ein Heimatfilm (2017, Regie & Drehbuch)
Full Circle – Last Exit Rock ’n’ Roll (2018, Regie)
Beziehungen – kein schöner Land (2022, Regie & Drehbuch)
Darf ich das so schreiben? (2024, Regie & Drehbuch)
Das Wunder von Bernd (2025, Regie & Drehbuch)

Seine Filme entstehen meist als unabhängige Produktionen mit starkem regionalen Bezug zum Ruhrgebiet und feiern regelmäßig Premieren in der ausverkauften Lichtburg in Essen. Für 2027 ist die Komödie „Schiri, pfeif ab!“ angekündigt – angesiedelt im Amateurfußball, allerdings ohne eine einzige Spielszenen. Reisen sind für Waldhelm kein Eskapismus, sondern Recherche am Menschen. Der Roadtrip durch Namibia verbindet seine Leidenschaft für Geschichte, Landschaft und Brüderlichkeit – und führt ihn von Tempelarbeiten in Windhoek und Swakopmund bis zu Begegnungen mit den San in der Wüste.