Seine Filme sind laut, direkt und voller Ruhrpott-Charme – und doch steckt in ihnen kumpelhafte Brüderlichkeit. Alexander Waldhelm erzählt im Interview, warum Kabarettisten manchmal härter zuschlagen als der Meister vom Stuhl, weshalb Rohmaterial nicht nur im Steinbruch liegt und wie er die Arbeit am rauen Stein mit Schnittprogrammen und Ruhrgebietshumor verbindet.

Mit „Das Wunder von Bernd“ wagt der 50-Jährige einen klassischen Episodenfilm über das wohl nie zu Ende erzählte Sujet der Filmgeschichte: die Liebe. Vom ersten Herzklopfen bis zur Amour Fou in der Rente schweift der Blick über alle Lebensphasen. „Kein besseres Thema für einen Film“, konstatiert Waldhelm – irgendwo zwischen himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt und, ja, gerne auch ein wenig komisch.

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Interview

Lieber Bruder Alexander, dein Film lebt vom rauen, manchmal derben Charme des Ruhrgebiets. Wo siehst du Parallelen zwischen diesem „rohen Material“ und dem freimaurerischen Symbol des Rauen Steins?

Bruder Alexander Waldhelm: Eine der herausragenden Eigenschaften der Menschen im Ruhrgebiet ist ihre sehr offene, von Außenstehenden nicht selten als schroff empfundene Art der Kommunikation. Subtilität ist nicht die Sache der Ruhrgebietler. Dementsprechend deutlich werden auch Verfehlungen angesprochen – vom „Du bis´ aber ganz schön fett geworden!“ über „Meine Güte! Wat hast du denn da an?“ bis zu „Du siehst echt fertig aus, geh mal zum Arzt!“. Im Grunde ist es dasselbe, wie wir Brüder in der Loge miteinander umgehen – nur eben subtiler und auf höherer Ebene.

Wird der Film durch Kamera, Schnitt und Kommentar gleichsam „bearbeitet“ wie der Stein im Tempel?

Bruder Alexander Waldhelm: Das kann ich mit einem klaren „Ja“ beantworten. Am Ende der 26 Drehtage hatten wir rund 1000 Minuten Rohmaterial. Daran müssen wir so lange herumhämmern, bis nur noch ein spiegelglattes, auf ein Elftel geschrumpftes Werkstück übrigbleibt.

Premierenfeier von Alexander Waldhelms Bruderwerk „Das Wunder von Bernd“. Foto: humanitaet.online

Ist die Leinwand deine Form des brüderlichen Wirkens in die Welt hinaus – oder auch zurück?

Bruder Alexander Waldhelm: Das würde mich sehr freuen. In meinem ersten Film habe ich das Thema Depression aufgegriffen, im zweiten ging es um Alkoholismus. In jedem meiner Filme gibt es Handlungsstränge, die den Umgang der Menschen miteinander im besten freimaurerischen Sinne zeigen. Mein Dasein als Freimaurer fließt zwangsläufig in alle meine Filme ein – nicht zuletzt, weil jedes Mal eine Menge Brüder mitspielen.

Die Kabarettisten in deinem Projekt sind bekannt für ihre spitze Zunge. Ist diese Schärfe ein Werkzeug, das zur Läuterung beiträgt – oder eher eine liebevolle Provokation?

Bruder Alexander Waldhelm: Außer im kulinarischen Zusammenhang bin ich kein Freund von Schärfe, da sie meist entzweit. Eine spitze Zunge kann, wenn sie gut genutzt wird, Dinge pointiert zusammenfassen oder anprangern. Für meine Filme möchte ich sie nicht als Stilmittel nutzen. Dosiert eingesetzt, kann Schärfe den Diskurs anregen, überdosiert verhärtet sie die Fronten.

Was kann Satire, was ein ernstes Streitgespräch nicht schafft?

Bruder Alexander Waldhelm: Satire genießt das Privileg, alles zu dürfen. Dadurch kann sie Themen hemmungslos zuspitzen – jenseits zivilisierter Diskursformen – und so auf Aspekte aufmerksam machen, die man sonst übersehen würde.

Premierenfeier von Alexander Waldhelms Bruderwerk „Das Wunder von Bernd“. Foto: humanitaet.online

Inwiefern prägt dein maurerischer Hintergrund deine Arbeit als Filmemacher?

Bruder Alexander Waldhelm: Das freimaurerische an meiner Arbeit ist der Umgang mit den Menschen und die ausgeglichene Herangehensweise. Ich begegne allen Beteiligten konsequent auf Augenhöhe – egal ob millionenschwerer Hauptsponsor oder jemand mit geistiger Behinderung. Außerdem lege ich den Fokus nicht auf die Vermeidung von Fehlern, sondern darauf, dass die nächste Kachel wieder eine weiße ist und Fehler mit den mir zur Verfügung stehenden Werkzeugen behoben werden können.

Du stellst Figuren aus dem Ruhrgebiet in den Mittelpunkt – Menschen, die nicht unbedingt im Feuilleton glänzen. Warum ist dir das wichtig?

Bruder Alexander Waldhelm: Vielleicht wird da zu viel hineininterpretiert. Ich liebe den Prozess des Filmemachens: von der Idee über Drehbuch und Finanzierung bis zu Dreh und Premiere. In meinen Filmen stehen die Menschen des Ruhrgebiets im Mittelpunkt, weil sie den Großteil meines Teams und der Darsteller bilden – verbunden durch ihre Sprache.

Wie erklärst du einem Bruder, dass Heimat, Humor und Kulturarbeit eine ernsthafte Form des Arbeitens am rauen Stein sein können?

Bruder Alexander Waldhelm: In einem Filmprojekt habe ich mit rund 200 Personen unterschiedlichster Art zu tun. Allen begegne ich offen und auf gleicher Ebene. Ich muss spontan auf Entwicklungen reagieren und lerne jeden Tag dazu – über andere und über mich. Dieser Umgang mit Menschen ist zweifellos eine sehr effektive Arbeit am rauen Stein.

Was hat dich die Arbeit an diesem Projekt gelehrt – über dich, über Kunst und über die Menschen vor der Kamera?

Bruder Alexander Waldhelm: Die Dreharbeiten führen mir brutal vor Augen, wie weit ich von Menschen entfernt bin, die nur zwanzig Jahre jünger sind als ich. Dinge, die für mich selbstverständlich sind, spielen für die nächste Generation kaum eine Rolle. Und ich erlebe immer wieder, wie viel Last Menschen auf sich nehmen, nur um einmal in einer kleinen Rolle dabei zu sein – und wie sie dennoch einen Moment schaffen, der das Publikum verzaubert.

Welche Projekte reizen dich als nächstes – und wo siehst du Brücken zwischen Kunst und maurerischem Ethos?

Bruder Alexander Waldhelm: Mein nächster Film heißt „Schiri, pfeif ab!“ und spielt im Amateurfußball – allerdings ohne ein einziges Fußballspiel. Es geht nur um die Randgeschichten. Ich möchte zeigen, dass Fußball nicht gleich stumpfer Proletensport ist, sondern es lohnt, offen und vorurteilsfrei hinzusehen – auch auf einen kleinen Film eines leidenschaftlichen, filmemachenden Bruders.

Premierenfeier von Alexander Waldhelms Bruderwerk „Das Wunder von Bernd“. Foto: humanitaet.online


Zur Person

Bruder Alexander Waldhelm (50) ist Filmemacher aus Leidenschaft – und aus Langeweile. Der gebürtige Oberhausener war Fallschirmjäger, Polizist, Lokaljournalist, PR-Mann und Pendler im Regionalexpress, bevor er sich zum Filmemacher aufschwang: „Für alles selbst zuständig und verantwortlich“, wie er erklärt. „Produktion, die der mit großem Abstand größte Teil der Arbeit ist, Drehbuch, Regie und Vertrieb.“ Er müsse jedes einzelne Kino selbst ansprechen: „Andernfalls läuft der Film nirgendwo.“

Mit „Pottkinder“ (2017) brachte er erstmals die Größen des Ruhrgebiets-Kabaretts wie Fritz Eckenga, Gerburg Jahnke und Uwe Lyko gemeinsam auf die Leinwand. Seither folgten Filme wie „Beziehungen“ und „Darf ich das so schreiben“, die in der Essener Lichtburg Premiere feierten und das Ruhrgebiet auf humorvolle Weise porträtieren.

Waldhelm lebt in Mülheim, verdient sein Geld als Mitarbeiter des Forschungszentrums Jülich – und sieht die Regie als Belohnung genug. Sein nächstes Projekt „Schiri, pfeif´ ab!“ ist bereits in Planung.