Vermieterin Pani Henryka und Familie: Mit seinem Buch „Ich bin ein Pole. Jestem Polakiem“ erinnert der Autor und Freimaurer Sylvio J. Godon an sein Studienjahr im Polen des Kriegsrechts. Foto: Sylvio J. Godon

Wangen im Allgäu/Warschau. Was bedeutet Freiheit, wenn man sie einmal nicht hatte? In seinem Buch „Ich bin ein Pole. Jestem Polakiem“ erzählt der Autor und Freimaurer Sylvio J. Godon von seinem Studienjahr im Polen des Kriegsrechts – und davon, warum diese Erfahrungen heute aktueller sind, denn je.

Das Interview will mehr sein als ein literarisches Gespräch: Es ist eine Erinnerung an die Zerbrechlichkeit demokratischer Rechte und ein Plädoyer für Wachsamkeit – diesseits wie jenseits der Grenze.

Bruder Sylvio J. Godon ist Freimaurer, Medienunternehmer und Grenzgänger zwischen Kulturen. Seine Eltern stammen aus Oberschlesien, er selbst wuchs in der Oberpfalz auf, studierte in Tübingen und Warschau – und erlebte Polen Anfang der 1980er-Jahre unter dem Kriegsrecht aus nächster Nähe.

In seinem zweisprachigen Buch erzählt er von Warteschlangen, Angst, Zivilcourage, der ungebrochenen Sehnsucht nach Freiheit und – um dem Titel gerecht zu werden – seine solidarische Identifikation als Pole im Kriegsrecht. Sein Buch ist nicht nur ein Beitrag zur deutsch-polnischen Verständigung, sondern auch eine mahnende Erinnerung daran, was verloren geht, wenn Demokratie zur Selbstverständlichkeit erklärt wird.

Dokumente aus den 1980er Jahren: Mit seinem Buch „Ich bin ein Pole. Jestem Polakiem“ erinnert der Autor und Freimaurer Sylvio J. Godon an sein Studienjahr im Polen des Kriegsrechts. Foto: Sylvio J. Godon

Ein Erlebnis gräbt sich ein

22 Stunden lang lag er über unseren Köpfen, eingezwängt in die Deckenverkleidung des Zuges. Als der Schäferhund nicht anschlug, dachte ich noch: Vielleicht hat er es geschafft…

Was Sylvio Godon auf dieser 26-stündigen Zugfahrt von Warschau nach Frankfurt am Main erlebte, ließ ihn nie wieder los.

Er dokumentiert es in der Erzählung „Denn die Freiheit wird immer mit Kreuzen bezahlt“. Ein Beispiel dafür, wie tief sich die Ereignisse unter Kriegsrecht, die er in sieben Kurzgeschichten dokumentiert, in sein Gedächtnis eingegraben haben. Und sie bewegen nicht nur den Autor.

Du stellst dir die Frage: Was bin ich eigentlich?“

Hast du einen familiären Hintergrund in Polen?

Sylvio Godon: Geboren bin ich 1959 in der schönen Oberpfalz, in Seubersdorf bei Parsberg. Während des politischen Tauwetters nach dem Tod Stalins sind beide Elternteile 1958 aus Oberschlesien ausgereist. Mein Bruder und ich sind nicht zweisprachig erzogen worden. In der Volksschule sprach man breitestes Bairisch – und wenn dann Mitschüler nach einer Auseinandersetzung zu dir sagen: „Du Scheiß Pollack“, obwohl du denkst, du bist einer von ihnen, stellst du dir irgendwann die Frage, was du wirklich bist.

Du bist als Student nach Polen gegangen?

Ja. Nach der Bundeswehr habe ich westslawische Philologie, Germanistik und vergleichende Sprachwissenschaften in Tübingen studiert. Als DAAD-Stipendiat – nach einer einstündigen Prüfung vor zwölf Professoren in Bonn – ging ich für ein knappes Jahr nach Polen, um Feldforschung für meine Magisterarbeit zu betreiben.

Das war bereits die Zeit des Kriegsrechts?

Ende der 1970er, Anfang der 80er: Zehn Millionen Polinnen und Polen forderten mit der Solidarność freie Wahlen. General Wojciech Jaruzelski sagte sich: Bevor die Russen kommen, mache ich das Land lieber selbst dicht. 1981 verhängte er das Kriegsrecht. Ich war von Ende August 1982 bis Anfang Juli 1983 dort.

Wie hast du den Alltag erlebt?

Ich war 23 und plötzlich in einem Land, in dem Lebensmittelkarten verteilt wurden. Meine längste Warteschlange war fast drei Kilometer lang. Das ist eine Erfahrung, die man nie wieder vergisst.

Vermieterin Pani Henryka und Familie: Mit seinem Buch „Ich bin ein Pole. Jestem Polakiem“ erinnert der Autor und Freimaurer Sylvio J. Godon an sein Studienjahr im Polen des Kriegsrechts. Foto: Sylvio J. Godon

Leben bei Pani Henryka

Wo hast du in Warschau gewohnt?

Das für auswärtige Stipendiaten vorgesehene staatliche Ausländerwohnheim,kam für mich nicht in Frage. Ich wollte bei einer polnischen Familie leben. Die Adresse bekam ich von einer Uni-Bediensteten – im Nachhinein war das wohl eine kleine Form von zivilem Ungehorsam.

Wie war das Verhältnis zu deiner Zimmerwirtin?

Pani Henryka Chudzik lebte im Villenviertel Żoliborz in einem enteigneten Haus in einer kleinen Wohnung, in der sie zwei Zimmer vermietete, um sich über Wasser zu halten. Sie selbst schlief in der Küche auf einem Kanapee. Als junges Mädchen musste sie zusehen, wie ein SS-Offizier ihren Bruder erschoss. Freunde wurden wir, als ich merkte, dass sie dreimal die Woche um fünf Uhr früh mit Krücken loszog, um sich in Warteschlangen anzustellen. Ich sagte: „Das machen Sie nicht mehr, das mache ich.“ Und dann stand ich stundenlang für Brot, Butter oder Fleisch an.

Eine völlig andere Welt – verrückt“

Wie war die Versorgungslage damals?

Alle Geschäfte waren geschlossen. Es ging über Buschfunk: Da kommt heute Fleisch ins Viertel. Dann kam ein Lastwagen, das Fleisch wurde wild zerhackt auf die Waage geworfen. Zweieinhalb Kilo – wenn du Glück hattest, gab es Braten, wenn nicht nur Suppe. Geöffnet hatten nur die Pewex-Läden, in denen man für Devisen einkaufen konnte, was ich ab und an tat, denn Pani Henryka liebte guten Schwarztee, der sonst nicht zu bekommen war.

Wie war die Stimmung an der Universität?

Fast alle Studenten waren gegen das Regime. Bei Protesten schwenkten sie Solidarność-Fahnen vor der Uni. Wenn Militär kam, zogen sie sich schnell aufs Gelände zurück– da trauten sich die Soldaten nicht hinein. Staatskunde war Pflicht, aber niemand ging hin.

Dokumente aus den 1980er Jahren: Mit seinem Buch „Ich bin ein Pole. Jestem Polakiem“ erinnert der Autor und Freimaurer Sylvio J. Godon an sein Studienjahr im Polen des Kriegsrechts. Foto: Sylvio J. Godon

Identität, Literatur und Freimaurerei

Was war deine Motivation für dein Auslandsstudium?

Neben meinem bayerischen Umfeld gab es auch amerikanische Einflüsse, weil mein Vater als deutscher Manager für die US-Army arbeitete, und ich einige Jahre in einer deutsch-amerikanischen Jugendgruppe verbrachte. Ich wollte als junger Mann herausfinden: Was ist deutsch an mir, was polnisch? Nach dem Auslandsstudium wusste ich: Ich bin Deutscher und Bayer, weil ich hier in der Oberpfalz geboren bin, im Herzen aber bin ich ein Weltbürger. Das ist auch das Motiv dafür, dass ich 1985 mit großer Freude in Ludwigsburg in die Loge „Johannes zum wiedererbauten Tempel“ eingetreten bin – ein Schritt, den ich nicht missen möchte und für dessen Ermöglichung ich unseren Brüdern in Ludwigsburg bis heute dankbar bin.

Warum ein Studienjahr – warum nicht einfach reisen?

Ich schrieb an meiner Magisterarbeit über den Nachkriegsdichter Rafał Wojaczek. Dafür gab es hier kein Material. Mit Sondergenehmigung der Uni Warschau durfte ich auch in die Bibliothek des zu jener Zeit geschlossenen polnischen Schriftstellerverbands und dort recherchieren. Wojaczek – wörtlich der „kleine Krieger“ – lebte radikal, starb jung, wurde zur Legende. Ein polnischer Büchner.

Macht euch klar, was ihr habt“

Was war dein Antrieb, das Buch zu schreiben?

Ich wollte etwas zum besseren Verständnis zwischen Deutschen und Polen beitragen – um die Leistungen für Demokratie und Freiheit unseres direkten Nachbarn seit 36 Jahren zu würdigen. Deshalb auch die Identifikation mit diesem mutigen Volk im Buchtitel. Und auch, weil ich gerade erlebe, wie in meinem eigenen Land, in Deutschland, Freiheit und Demokratie mit Füßen getreten werden – ohne Rücksicht auf die verheerenden Folgen. Polen habe ich als Land erlebt – und erlebe es als solches bis heute –, in dem Menschen sich nach Freiheit und Demokratie sehnen und diese Werte leben möchten. Wir verdanken den Polen ein vereintes Deutschland und Europa. Wenn ich heute höre, wie über unsere Demokratie geschimpft wird, denke ich zurück und sage: Macht euch klar, was ihr habt.

Wie wurde das Buch in Polen aufgenommen?

Sehr positiv. Viele konnten sich kaum vorstellen, dass sich ein Deutscher so intensiv mit ihrer jüngsten Geschichte befasst.

Er lag 22 Stunden über unseren Köpfen“
(Über eines der emotionalsten Erlebnisse in dem Buch)

„Auf der 26-stündigen Zugfahrt von Warschau nach Hause hörte ich Geräusche. Kopfkino. An der Grenze kamen Grenzer mit Leiter und Schäferhund. Erst dachte ich: Wenn da oben einer ist, hat er es geschafft. Dann stieß der Beamte mit einer überdimensionalen Stricknadel Loch um Loch in die Deckenverkleidung….“

Dokumente aus den 1980er Jahren: Mit seinem Buch „Ich bin ein Pole. Jestem Polakiem“ erinnert der Autor und Freimaurer Sylvio J. Godon an sein Studienjahr im Polen des Kriegsrechts. Foto: Sylvio J. Godon

Zum Autor
Sylvio J. Godon ist Autor, freier Redakteur und selbstständiger Medienunternehmer mit mehr als 22 Jahren Berufserfahrung in der Tagespresse, zuletzt als langjähriger Redaktionsleiter. Seine Arbeit steht für Seriosität, journalistische Tiefe und kulturelle Vermittlung.
Buchangaben
Sylvio J. Godon: Ich bin ein Pole. Jestem Polakiem. Warschauer Geschichten aus dem Kriegsrecht / Opowiadania warszawskie ze stanu wojennego
Herausgeber: Instytut Mikołowski im. Rafała Wojaczka
Polnischer Verlag: Instytut Mikołowski
Verlag: Salier Verlag, 1. Auflage 2025
Umfang: 340 Seiten, zweisprachig (Deutsch/Polnisch), Hardcover, fadengeheftet, Einlegebändchen
DE ISBN: 978-3-96285-089-0, erhältlich im Salier-Verlag
PL ISBN: 978-83-65250-68-1Weitere Bücher:
Die neuen Pflichten für Freimaurer*innen (2021): Eine zeitgemäße Fortschreibung der „Alten Pflichten“ im Spiegel heutiger Lebenswirklichkeiten.– Vom Betragen. Knigge für Freimaurer (2021): Ein persönlicher Ratgeber, der weit über Benimmregeln hinausgeht und als Lebenshilfe für Brüder gedacht ist.