Regensburg. „Hast du einen hässlichen Pulli“, fragt mich Großmeister Stefan Kunnert kurz vor Weihnachten aus heiterem Dezemberhimmel? „Naja“, meine ich kleinlaut, wird sich finden lassen. „Dann nehme ich dich mit zur Weihnachtsfeier der ,Five Houses‘ nach Regensburg.“

„Five Houses“ also, denke ich. Und frage vorsichtshalber bei Stuhlmeister Michael Weissenböck der Loge „Walhalla zu den fünf Rosen“ nach: „All Five Houses deshalb, weil wir zusammen mit der Loge ,Drei Schlüssel zum aufgehenden Licht‘ feiern – und bei uns in der Loge auch die Perfektionsloge, das Kapitel und das Areopak ansässig sind.“

Ah ja! Perfektionslogen (Grade 4 bis 14), Kapiteln (Grade 15 bis 18) und Areopagen (Grade 19 bis 30) sind typisch für den Alten und Angenommenen Schottischen Ritus (AASR), der von beiden Logen gespeist wird.

Großmeister Stefan Kunnert holt mich im Kleinlaster vom Pendlerparkplatz ab. Der kleine Flitzer bringt uns nicht nur rasant ins Regensburger Stadtviertel Gallingkofen, er besitzt weitere Vorzüge: Während vom – stadtnamensgebenden Fluss – Regen herauf bereits zahlreiche Brüder trotten und andere verzweifelt nach Parkplätzen Ausschau halten, passt die Rennsemmel in jede Lücke.

Weihnachtsfeier bei den Regensburger „Five Houses“ im Logenhaus der „Walhalla zu den fünf Rosen“, einem ehemaligen Gasthaus und noch früheren Kloster mit einem geheimnisvollen Gewölbe. Foto: Jürgen Herda

Logieren im Gasthaus

An das ehemalige Gasthaus und noch frühere Kloster, in dem die Loge residiert, erinnere ich mich noch aus Jugendtagen. Gut, dass hier wieder Leben eingekehrt ist. „Der zweigeschossige und traufständige Halbwalmdachbau mit Putzgliederungen und zwei anschließenden Toreinfahrten aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hat eine neue Nutzung verdient“, erklärt Architekt Stefan.

Dass Innenleben lässt keine Zweifel am Zweck der ausgelassenen Feier: Hier wetteifern Brüder aller Destinationen in einem krachenden „Ugly Sweater Contest“. Rot bezipfelte Weihnachtsmänner auf Tannengrün, weiße Rentiere auf Himmelblau, giftgrüner Grinch auf Zinnober – und Stefans dezentes Geweih in Schwarz-Weiß. So viel Etikette muss sein. „Cooler Pulli“, begrüßt mich Bruder Bill Williams. Uff, mein St.-Pauli-Totenkopf hat den ersten Test bestanden. Ist ja auch irgendwie ein Freimaurer-Symbol der Endlichkeit.

Führung ins Gewölbe

Alt- und Ehren Stuhlmeister Michael Pahlke führt uns durch das gastliche Logenhaus und auch hinab in das alte Gewölbe, in dem der Suchende mit schaurigem Respekt auf sein Aufnahmeritual wartet. Mehr soll hier nicht verraten werden. Anschließend führt mir Bill im Waffensaal sein Schwert vor: „Halt mal“, fordert er mich auf. „Nicht die Klinge anfassen!“ Ist ja gut. Liegt angenehm schwer in der Hand, sofern man es nicht zum Bruderkrieg gebrauchen muss.

Inzwischen hat sich die lange Tafel im langgezogenen Gastraum gefüllt. Auf den Tischen glänzen feucht die schillernden Austern auf silbernen Platten, geöffnete Bier- und Wasser-Flaschen harren ihrer Leerung, Weihnachtsgebäck verführt zu Naschereien und Kerzen in 5-armigen Leuchtern strahlen mit den gespannten Gesichtern um die Wette.

Weihnachtsfeier bei den Regensburger „Five Houses“ im Logenhaus der „Walhalla zu den fünf Rosen“, einem ehemaligen Gasthaus und noch früheren Kloster mit einem geheimnisvollen Gewölbe. Foto: Jürgen Herda

Weil wir es können“

Fünf Brüder der Five Houses eröffnen das Büffet. „Seit 2000 feiern wir die coolste Party des Jahres“, sagt Bruder Florian, „weil wir es in Regensburg einfach können.“ Und weil nicht nur in der Politik ein Zeitenwechsel angesagt ist, sondern auch den Logen ein Wechsel ins Haus steht, bekräftigt Stuhlmeister Michael augenzwinkernd: „Alles wendet sich zum Guten, alle sind froh, dass sie uns loshaben.“ Ein Scherz, der mit wohlmeinendem Gelächter honoriert wird. „Die fünf Häuser sind auch künftig gut bestellt.“

An den Tischen werden Lebensgeschichten ausgetauscht. Bill erzählt von seiner Zeit bei der US-Army. Mit Bruder Konrad Stemmer, Meister vom Stuhl der „Drei Schlüsseln zum aufgehenden Licht“, tausche ich mich über Graswurzelpolitik in Bad Abbach und die Miseren der Kliniken aus.

Verbrüderung mit der Schwesterloge

„Die Weihnachtsfeier ist eilig aus einer Bierlaune heraus entstanden“, erklärt MvSt Mike.
„Vor fünf Jahren, als ich als Stuhlmeister vorgeschlagen wurde, dachten wir uns, wir haben Ende Dezember keine Veranstaltungen mehr und darum organisieren wir
ein spontanes Weihnachtsgrillen.“

Ein Jahr später kam man auf die Idee, die Schwesterloge dazu einzuladen. „Das Verhältnis zu den ,Drei Schlüsseln‘ ist in den vergangenen Jahren immer mehr gewachsen, und wir versuchen regelmäßig gemeinsame Veranstaltungen abzuhalten.“ Und diese Koalition soll auch unter neuer Führung Bestand haben: „Auch die künftigen Stuhlmeister sind instruiert, diese Tradition weiterzuführen.“

Das Logenhaus der „Walhalla zu den fünf Rosen“, ein zweigeschossiges und traufständiges Halbwalmdachbau mit Putzgliederungen und zwei anschließenden Toreinfahrten aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Foto: Johanning – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=33208001

 

Zwei Logen, eine lange Regensburger Linie

Die Wurzeln der Freimaurerei in Regensburg reichen tief in das 18. Jahrhundert zurück. 1765 gründete Erbprinz Carl Anselm von Thurn und Taxis die französischsprachige Loge St. Charles de la Constance. Nur zwei Jahre später folgte mit der deutschsprachigen „Wachsenden zu den drei Schlüsseln“ eine selbstbewusste bürgerliche Neugründung – ohne vorherige Genehmigung, aber mit großem Wirkungskreis.

Die Regensburger Loge entwickelte sich rasch zu einer Mutterloge mit europaweiter Ausstrahlung: Zwischen 1771 und 1808 gingen von ihr 14 Tochterlogen hervor, unter anderem in Wien, München und Dresden. Politische Umbrüche, bayerische Verbote und schließlich die nationalsozialistische Verfolgung zwangen das Logenleben immer wieder zu Auflösungen.

Erst 1948 wurde das Licht der Maurerei mit der Rekonstitution der Johannisloge „Drei Schlüssel zum aufgehenden Licht“ erneut entzündet. Seitdem steht sie für Kontinuität, geistige Arbeit und eine Freimaurerei, die Humanität über Tagespolitik stellt.

Mehr Vielfalt im besten freimaurerischen Sinn wollte eine Gruppe von Brüdern im 21. Jahrhundert – und setzte sie um. 2013 wurde die Loge „Walhalla zu den fünf Rosen“ feierlich im Runtingersaal gegründet.

Der Name ist Programm: Die Rose steht für Licht, Leben und Menschenliebe, die Zahl Fünf für Maß, Harmonie und die Ordnung der Dinge. Der Bezug zur historischen Walhalla bei Donaustauf verweist auf gemeinsame kulturelle Wurzeln und den Anspruch, Vergangenheit und Gegenwart zu verbinden.

Als Schwesterloge der „Drei Schlüssel“ arbeitet „Walhalla zu den fünf Rosen“ bewusst ergänzend: jünger im Gründungsdatum, offen im Stil, fest verankert in der freimaurerischen Tradition Regensburgs.

Gemeinsam beherbergen die beiden Logen zudem die weiterführenden Körperschaften des Alten und Angenommenen Schottischen Ritus (AASR) – Perfektionsloge, Kapitel und Areopag. Daher der augenzwinkernde Name „Five Houses“, unter dem man in Regensburg nicht nur ritualistisch, sondern auch gesellig zusammenkommt.