Iserlohn. Beim Großlogentag in Essen 2025 hatte ich den Plan der Großloge zur Digitalisierung der Humanität vorgestellt – und angedeutet, dass humanitaet.online mehr sein könnte als ein digitales Abbild des bisherigen Magazins: eine Plattform der Logen, ein Ort der Vernetzung, ein öffentliches Schaufenster freimaurerischer Arbeit. Die Einladungen folgten schneller, als ich erwartet hatte. Auch aus Iserlohn.
„Lieber Br. Jürgen“, schrieb mir Bruder Schatzmeister Frank Rothenpieler, „auf dem Großlogentreffen hast du den Wunsch geäußert, möglichst viele Logen zu besuchen. Ich möchte darauf zurückkommen…“
Eine Einladung, wie man sie nicht ausschlägt.
Einen Tag nach der Lehrlingswerkstatt in Ingolstadt mache ich mich auf den Weg zur ältesten Freimaurerloge Südwestfalens, „Zur Deutschen Redlichkeit“ i.O. Iserlohn. Gegründet 1796, wiedergegründet 1945 – eine Loge mit Brüchen, mit Geschichte, mit Erinnerung. Und mit der Frage, wie sich all das in eine digitale Gegenwart übersetzen lässt.
Vom Gartentor zur Tafelrunde
Montagabend, Schnee. Im Ortsteil Tyrol stehe ich vor dem noch verschlossenen Tor im Bürgergarten 1. Gründerzeitvillen, kahle Bäume, gedämpftes Licht. Ich läute guten Mutes. Frank Rothenpieler öffnet, begrüßt mich herzlich, führt mich durch die Räume. Erste Brüder haben sich bereits eingefunden. Handschlag, Umarmung, vorsichtiges Abtasten.
„Du kommst also aus der Pfalz?“
„Nicht ganz. Oberpfalz.“
„Also irgendwo in den inzestuösen Bergen …“
So lerne ich Bruder Theo, Redner der Loge, kennen – nassforsch, burschikos, mit Humor als Türöffner. Kaffee wird gereicht, weitere Brüder trudeln ein, wir nehmen Platz an der Tafelrunde.
„Zu meiner Verteidigung …“
Ich beginne meinen Vortrag ähnlich wie in Essen – mit einem persönlichen Bekenntnis. „Zu meiner Verteidigung: Ich habe den Großteil meines Berufslebens mit großer Überzeugung Printprodukte gemacht.“ Der Niedergang der Printbranche sei nicht plötzlich gekommen, sondern schleichend. Demografischer Wandel, Internet, Smartphone – Kräfte, gegen die man sich stemmen könne, aber nicht dauerhaft gewinne. Ich erzähle von Stationen bei der Prager Zeitung, der Mittelbayerischen, dem Neuen Tag, von der Gründung von Europe-online und der Chefredaktion von OberpfalzECHO.
Dann der Perspektivwechsel: Was kann eine digitale Humanität leisten, was Print nicht mehr vermag? Ich spreche von vernetztem Wissen, von Tiefe statt Tageshast, vom Archiv statt Wegwerfmedium, von Suchmaschinenlogik, die Qualitätsjournalismus belohnt – und von der Chance, den öffentlichen Diskurs über Freimaurerei selbst zu prägen, statt ihn anderen zu überlassen.

Logenbesuch in Iserlohn: Im Ortsteil Tyrol residiert die Loge „Zur Deutschen Redlichkeit“ im Bürgergarten 1. Gründerzeitvillen, kahle Bäume, gedämpftes Licht. Foto: Jürgen Herda
Öffnung oder Schutz? – Die Debatte nimmt Fahrt auf
Die Diskussion beginnt ruhig, fast tastend. Frank bringt früh eine zentrale Unterscheidung ins Spiel: „Wir müssen trennen zwischen Außendarstellung und Debatten im eigenen Bereich.“ Bruder Rolf, Meister vom Stuhl, hält dagegen: „Auch in der Printwelt konnten Profane interne Debatten lesen. Die Möglichkeit hat immer bestanden.“
Frank kontert trocken: „Ja – aber wer hat das schon gemacht?“ Es ist einer dieser Momente, in denen nicht gestritten, sondern vermessen wird: Wo lag bisher die faktische Grenze zwischen innen und außen – und was verschiebt sich durch die Digitalisierung?
Theo formuliert das Unbehagen, das im Raum steht: „Es muss einen Unterschied geben zwischen Interessenten und Brüdern. Wir brauchen einen geschützten Raum.“ Bruder Mirko, Zeremonienmeister, nickt – und schärft nach: „Ohne geschützten Bereich wird es schwierig.“
Wert, Geld und die alte Frage der Verbindlichkeit
Dann der Satz, der hängen bleibt. Wieder Theo: „Was nichts kostet, ist nichts wert.“ Ich widerspreche nicht frontal, sondern verschiebe die Perspektive: „Wert lässt sich nicht immer in Geld bemessen. Der Wert liegt hier in der redaktionellen Arbeit, in der Einordnung, in der Vernetzung – und in der Möglichkeit, den Diskurs selbst zu bestimmen.“
Entweder, so mein Argument, investiere man viel Geld in externe Öffentlichkeitsarbeit – oder man betreibe sie selbst, dauerhaft, glaubwürdig, journalistisch. Bruder Gerd meldet sich zu Wort. Seine Sorge ist eine andere: „Ich glaube nicht, dass wir mit kontroversen Debatten Mitglieder gewinnen. Es muss eine Grenze geben.“
Bruder Christian, Lehrling, fasst zusammen, was viele Jüngere offenbar bewegt: „Wenn ich das richtig verstehe, geht es um philosophische Inhalte – nicht um Rituale.“ Ein wichtiger Satz. Er ordnet die Diskussion neu.

Logenbesuch in Iserlohn: Im Ortsteil Tyrol residiert die Loge „Zur Deutschen Redlichkeit“ im Bürgergarten 1. Gründerzeitvillen, kahle Bäume, gedämpftes Licht. Foto: Jürgen Herda
Angriffsfläche oder Selbstbestimmung?
Die Sorge, durch Sichtbarkeit neue Angriffsflächen zu eröffnen, bleibt im Raum. Gerd formuliert sie nüchtern, fast technokratisch: „Es gibt journalistische Firmen, die sich bezahlen lassen, um kritisch zu recherchieren. Die suchen dann gezielt etwas Belastendes – und wir stolpern über ein Datum oder einen Kontext.“
Ich hake nach. Wer sich diese Mühe mache, so mein Einwand, könne das auch heute schon tun – ganz ohne humanitaet.online. Im Gegenteil: Wenn es gelinge, mit der neuen Plattform durch Suchmaschinenoptimierung und redaktionelle Tiefe selbst die relevanten Treffer zu setzen, nehme man solchen Versuchen eher den Wind aus den Segeln. Das gelte umso mehr in einer Zeit, in der Suchmaschinen zunehmend von KI-Systemen gesteuert würden.
Rolf greift den Gedanken auf: „Das ist doch das Schöne: dass wir einen größeren Kreis erreichen.“ Und stellt eine Frage, die über den Abend hinausweist: „Warum haben wir eigentlich keinen Pressesprecher?“ Gerd kontert trocken: „Wollen wir denn einen?“ Es ist kein Streit, eher ein Abtasten. Wo endet berechtigte Vorsicht, wo beginnt lähmende Angst?
Nähe, Verlust und das veränderte Medium
Dann wird die Diskussion persönlicher. Theo beschreibt einen inneren Bruch, der weniger technisch als emotional ist: „Für mich war das eine Zeitschrift. Jetzt ist es ein Online-Magazin für alle. Das rückt das Medium weg von mir. Die Humanität bewegt sich von mir weg.“ Ein Satz, der hängen bleibt. Nicht als Vorwurf, sondern als ehrliche Standortbestimmung.
Ich versuche, die Ebenen zu trennen: Suchende, Interessierte, Brüder. Drei Öffentlichkeiten, drei Zugänge. Für Brüder ein Newsletter, für Interessierte vertiefende Inhalte, für die breite Öffentlichkeit eine sachliche, wertebasierte Darstellung der Freimaurerei. Theo nickt. „So ein Newsletter wäre eine gute Sache.“ Frank fasst das Spannungsfeld zusammen: „Wir müssen uns öffnen – und gleichzeitig unseren Wesenskern schützen.“

Logenbesuch in Iserlohn: Im Ortsteil Tyrol residiert die Loge „Zur Deutschen Redlichkeit“ im Bürgergarten 1. Gründerzeitvillen, kahle Bäume, gedämpftes Licht. Foto: Jürgen Herda
Gedeckte Brüder und reale Lebenswelten
Ein Punkt wird besonders sensibel diskutiert. Theo spricht ihn offen an: „Wir haben Brüder, die kommen nicht, wenn eine Veranstaltung öffentlich ist. Weil sie es sich beruflich nicht leisten können – etwa bei kirchlichen Arbeitgebern.“ Frank ergänzt: „Die Herausforderung wird sein, attraktiv für Nicht-Freimaurer zu sein, gedeckte Brüder zu schützen und trotzdem Vernetzung zu ermöglichen.“ Die Digitalisierung, so wird deutlich, ist kein rein technisches Projekt. Sie greift tief in Lebensrealitäten ein.
Was macht diese Loge aus?
Ich nutze eine kurze Atempause, um den Blick von der Grundsatzdebatte auf die Loge selbst zu lenken. „Was macht euch eigentlich aus?“ Frank antwortet historisch: „Wir sind der zweitälteste Verein Westfalens. Gegründet 1796, Matrikelnummer 179.“
Altstuhlmeister Georg greift nach einer metallenen Türklinke und hält sie hoch: „Solches Gewerbe macht uns aus. Wir waren immer eine Handelsstadt. Hösch wurde von Iserlohnern gegründet.“ Theo ergänzt Zahlen, Frank ordnet ein. Früher mehr Brüder, stärkere gesellschaftliche Präsenz. Heute stabile Mitgliederentwicklung, gute Gästeentwicklung – und doch der nüchterne Blick auf den demografischen Wandel. „Wir müssen realistisch sein“, sagt Frank. „Der geht nicht an uns vorbei.“

Die Iserlohner Loge „Zur Deutschen Redlichkeit“ übergab beim traditionellen Neujahrsempfang eine Spende von 1000 Euro an den Verein Flaschenkinder Iserlohn e. V., der sich für Kinder aus suchtbelasteten Familien einsetzt. Foto: Loge „Zur Deutschen Redlichkeit“
Aufnahme, Maß und Auswahl
Es geht um Mitgliedergewinnung – und um Maß. Theo stellt klar: „Ich bin kein Freund von Masse. Neue Brüder müssen auch passen. Es gab Zeiten mit vielen Aufnahmen – das ging nicht gut aus.“ Bruder Antonio, Erster Aufseher, wird deutlicher: „Wir haben auch Zeiten gehabt, in denen wir geschludert haben. Heute müssen wir wieder genauer hinschauen. Auch mal Nein sagen.“
Lehrling Christian erzählt seinen Weg: „Ich habe die Loge über das Internet gefunden. Die Neugier kam mit Mitte 40. Das Geheimnis, berühmte Freimaurer – und dann die Brüder hier. Das hat alles bestätigt.“ Theo relativiert: „Am Anfang ist die Freimaurerei zweitrangig. Es ist ein freundschaftlicher Bund. Man merkt, ob jemand wirklich interessiert ist.“
Corona, Brüche und neue Rhythmen
Die jüngere Vergangenheit kommt zur Sprache. Antonio spricht offen: „Nach Corona, nach Todesfällen, hatten wir eine schwierige Phase. Ich habe mich gefragt, ob ich mich hier noch wohlfühle.“ Rolf fasst es lakonisch auf: „Der Wurm war drin. Wir kamen nicht in die Pötte.“ Theo benennt den Kern: „Es ging immer nur um Corona. Wer hat recht, wer nicht.“
Doch die Stimmung hat sich gedreht. Neue Gäste, wieder Kugelungen, philosophische Themen als Türöffner. Georg bringt es auf den Punkt: „Wir haben ein Bedürfnis nach geistiger Auseinandersetzung. Das öffnet uns.“

Die Iserlohner Loge „Zur Deutschen Redlichkeit“ übergab beim traditionellen Neujahrsempfang eine Spende von 1000 Euro an den Verein Flaschenkinder Iserlohn e. V., der sich für Kinder aus suchtbelasteten Familien einsetzt. Foto: Loge „Zur Deutschen Redlichkeit“
Perspektiven zwischen Zuversicht und Sorge
Auf die Frage nach der Zukunft antworten die Brüder unterschiedlich. Rolf bleibt pragmatisch: „Wenn es so weitergeht, können wir zufrieden sein.“ Theo sieht das Engagement wachsen. Georg dagegen schaut weiter hinaus: „Ich sehe politische Unruhe, wirtschaftliche Freisetzungen. Viele Scharlatane nutzen das. Menschen suchen Orientierung.“ Mitgliedergewinnung, so sein Befund, sei kein Selbstzweck, sondern Ergebnis einer ernsthaften Sinnsuche.
Großloge, Nähe und Distanz
Zum Schluss richtet sich der Blick nach oben. Frank lobt die Erreichbarkeit der Großloge, vermisst aber die kontinuierliche Diskussion: „Ein Großlogentag im Jahr ist mir zu wenig. Wir leben in unterschiedlichen Welten – große Logen, kleine Logen, mittlere wie wir.“ Austausch gebe es – mit Hagen, Lüdenscheid, Dortmund. Aber auch hier: harte Kerne, tragende Gruppen, realistische Zahlen.
Der rauhe Stein im Keller
Zum Abschied führt mich Georg in den Keller. „Zwei Bilder zeige ich jedem Besucher.“ Eine Bruchsteinmauer. Der raue Stein. „Die Arbeit an sich selbst. Und der Aufbau.“ Dann drückt mir der Logen-Älteste ein Carepaket vom Neujahrsempfang in die Hand – für die lange Rückfahrt nach Bayern. Die Straßen sind weitgehend glatt, nur ein Stau. Zeit genug zum Nachdenken.

Logenbesuch in Iserlohn: Im Ortsteil Tyrol residiert die Loge „Zur Deutschen Redlichkeit“ im Bürgergarten 1. Gründerzeitvillen, kahle Bäume, gedämpftes Licht. Foto: Jürgen Herda
Am Tag vor dem Logenabend hatte die Loge zum traditionellen Neujahrsempfang eingeladen. In festlichem Rahmen kamen Brüder, Gäste und Vertreter aus dem gesellschaftlichen Umfeld zusammen. Neben dem Austausch über das vergangene Jahr stand auch das gemeinnützige Engagement im Mittelpunkt: Mit einer Spende von 1.000 Euro unterstützte die Loge den Verein Flaschenkinder Iserlohn e. V., der sich für Kinder aus suchtbelasteten Familien einsetzt. Ein Empfang, der zeigte, wie selbstverständlich Humanität hier auch außerhalb des Tempels gelebt wird.