Bayreuth. Briefe, Rituale, Protokolle und politische Zeitzeugnisse aus den 1920er- und frühen 1930er-Jahren: Der Ankauf eines freimaurerischen Nachlasses eröffnet dem Deutschen Freimaurermuseum Bayreuth einen seltenen, vielschichtigen Blick in eine Epoche zwischen Hoffnung, Krise und Zerstörung. Ein Fund, der Geschichte greifbar macht.
Im November erreichte das Deutsche Freimaurermuseum eine Anfrage aus Magdeburg. Eine Dame – sie möchte anonym bleiben – fragte an, wie mit dem freimaurerischen Nachlass ihres verstorbenen Vaters zu verfahren sei, der selbst kein Freimaurer gewesen war. Bald folgten Fotografien: Publikationen, handschriftliche Notizen, umfangreicher Schriftverkehr aus den 1920er- und 1930er-Jahren – darunter auch ältere Rituale der drei Grade der Bayreuther Großloge Zur Sonne.
Schnell wurde deutlich: Hier handelte es sich nicht um vereinzelte Erinnerungsstücke, sondern um ein geschlossenes historisches Konvolut. Die Entscheidung, dieses Schriftgut zu erwerben, fiel rasch – und mit gutem Grund.

Das Deutsche Freimaurermuseum in Bayreuth erwarb einen neuen Nachlass: Die historischen Zeugnisse einer zerrissenen und entbehrungsreichen Epoche zwischen den Weltkriegen geben Einblicke in die Freimaurerei vor hundert Jahren. Fotos/Collage: Deutsches Freimaurermuseum/jrh
Ein Frankfurter Bruder im Schatten der Geschichte
Aus den Briefen und Dokumenten lässt sich der Weg der ursprünglichen Eigentümer nachzeichnen. Der Nachlass gelangte zunächst an Wilhelm Kölsch, Onkel zweiten Grades des Vaters der Geberin. Kölsch arbeitete in der chemischen Industrie in Frankfurt-Höchst und zog in den 1950er-Jahren aus beruflichen Gründen nach Bitterfeld. Dort wurde er 1961 vom Bau der Berliner Mauer überrascht – und kehrte nicht mehr in den Westen zurück.
Wilhelm Kölsch hatte den freimaurerischen Nachlass von seinem Vater, Bruder Carl Kölsch (geb. 1873), erhalten, wohnhaft in Frankfurt-Höchst-Unterliederbach. Carl Kölsch trat 1922 der Frankfurter Loge Zur Eintracht und Freimütigkeit bei, die unter der Obödienz der Großloge Zur Sonne stand. Bereits zwei Jahre später erlangte er den Meistergrad. In den folgenden Jahren übernahm er Verantwortung: als Schriftführer, später als Erster Aufseher im Beamtenrat.
Die Dokumente zeichnen das Bild eines engagierten Bruders in einem lebendigen Logenmilieu – und zugleich eines Mannes, der miterlebte, wie dieses Milieu unter den politischen Verwerfungen der Zeit zunehmend unter Druck geriet.
Logenleben zwischen Krise, Politik und Auflösung
Der Nachlass umfasst eine beeindruckende Bandbreite an Quellen: Protokolle, Jahresberichte, Vorträge zum Johannistag, Zeichnungen, Zeitungsausschnitte sowie zahlreiche Ausgaben der Zeitschrift „Mitteilungen“ der Großloge Zur Sonne aus den Jahren 1931 bis 1933.
Viele Texte spiegeln die politische und soziale Zuspitzung der Zeit. Die schwierige wirtschaftliche Lage nach dem Ersten Weltkrieg, die Repressalien der Siegermächte, wachsende Armut und soziale Verunsicherung – all dies bildet den Resonanzraum für eine zunehmende Politisierung. Gleichzeitig dokumentieren die Schriften die ideologischen Auseinandersetzungen innerhalb der Freimaurerei selbst: die Hoffnung, sich an die neuen Machtverhältnisse anpassen zu können, und schließlich die Spaltung zwischen humanitären und preußischen Großlogen.
Ein besonders eindrückliches Dokument ist die Einladung zur letzten Mitgliederversammlung der Loge Zur Eintracht und Freimütigkeit am 11. April 1933. Bei Anwesenheit von 23 Mitgliedern wurde einstimmig beschlossen, die Loge aufzulösen. Ihr Bestehen hatte nur 13 Jahre gedauert – nach dem Krieg erlosch sie vollständig.

Deutsches Freimaurermuseum in Bayreuth. Foto: Flocci Nivis – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=79060463
Rituale als präzise Arbeitsanweisungen
Ein zentraler Grund für den Ankauf des Nachlasses sind die gebundenen Rituale der drei Grade der Großloge Zur Sonne aus dem Jahr 1873. Sie sind reich mit handschriftlichen Randbemerkungen versehen – ein seltener Einblick in die praktische Ritualarbeit.
Hinzu kommen Lehrlingsinstruktionen des Stuhlmeisters in Maschinenschrift, handschriftliche Regieanweisungen zum Meistergrad (datiert auf den 24. März 1931) sowie detaillierte Ablaufpläne zur Tafelarbeit, zur Silvesterloge und zur Aufnahme von Suchenden. Jede Handlung ist genau festgelegt – Rituale erscheinen hier nicht abstrakt, sondern als sorgfältig einstudierte, lebendige Praxis.
Kaiser, Kronprinz und die Suche nach Einigkeit
Eine besondere Rarität im Konvolut ist eine 15-seitige großformatige Publikation von 1931 mit dem Titel „Kronprinz und Kaiser Friedrich III. als Freimaurer“. Sie dokumentiert die freimaurerische Rolle Friedrichs III. und seines Vaters Wilhelm I. anhand von Logenreden und Faksimiles.
Besonders bemerkenswert ist Friedrichs Rede zum Johannisfest 1870 und zum 100-jährigen Stiftungsfest der Großen Landesloge in Berlin. Darin formulierte er drei Forderungen an die Zukunft der deutschen Freimaurerei: Einigkeit des Logentums, Befreiung von veralteten Formen und sorgfältige historische Forschung – Worte, die im Rückblick eine fast prophetische Schärfe gewinnen.
Spiegel einer zerrissenen Epoche
Die neu erworbenen Schriften sind weit mehr als eine bibliothekarische Ergänzung. Sie sind Zeitspiegel einer zerrissenen Epoche, Zeugnisse eines reichen Logenlebens, das zwischen den Weltkriegen existierte – und unterging. Sie machen sichtbar, wie eng Freimaurerei, Zeitgeschichte und gesellschaftliche Verantwortung miteinander verwoben waren.
Ein herzlicher Dank gilt der Geberin, die sich an das Museum gewandt und den Ankauf durch ihre Hinweise ermöglicht hat.

Deutsches Freimaurermuseum in Bayreuth. Foto: Mattes – Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=14301540
Das Deutsche Freimaurermuseum Bayreuth
Das Deutsche Freimaurermuseum Bayreuth zählt zu den bedeutendsten Einrichtungen seiner Art in Europa. Seit Jahrzehnten sammelt, bewahrt und erforscht es Zeugnisse der freimaurerischen Geschichte – von Ritualen und Kunstwerken bis zu Archivalien und Alltagsdokumenten. Das Museum versteht sich nicht als Ort der bloßen Bewahrung, sondern als lebendiger Forschungs- und Vermittlungsraum. Seine Ausstellungen, Publikationen und Ankäufe tragen wesentlich dazu bei, die Geschichte der Freimaurerei im kulturellen und politischen Kontext sichtbar zu machen.