Das literarische Trio
Eisfeld. Was verbindet einen Opernkomponisten des Vormärz, einen idealistischen Philosophen der frühen Moderne und einen Romanhelden im Schatten des Nationalsozialismus? Mehr, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Drei Neuerscheinungen aus dem Salier Verlag zeigen Freimaurerei als kulturelle Praxis, als Denkbewegung – und als existentielle Haltung.
Auf den ersten Blick könnten sie unterschiedlicher kaum sein: eine kulturhistorische Biografie, eine philosophisch-editorische Tiefenbohrung und ein historischer Roman. Und doch kreisen alle drei Bücher um denselben Kern: Freimaurerei als Suchbewegung nach Freiheit, Humanität und Verantwortung, die sich nicht im Tempel erschöpft, sondern immer in die Gesellschaft hineinwirkt.
Alle drei Werke nehmen ihre Leser ernst. Sie vereinfachen nicht, sie verklären nicht – und sie trauen dem Publikum zu, mitzudenken. Genau darin liegt ihre gemeinsame Stärke.
Albert Lortzing. Freimaurer und Freiheitssucher
Stefan Lüddemanns Buch macht Lust, einen vermeintlich „bekannten“ Komponisten neu zu entdecken. Albert Lortzing (1801–1851) erscheint hier nicht als harmloser Lieferant biedermeierlicher Bühnenunterhaltung, sondern als wacher Theatermann mit Sinn für Zeitfragen – und mit einem selbstverständlichen Bezug zur Freimaurerei.
Lüddemann, selbst Hochschullehrer und Kulturjournalist, zeichnet präzise nach, wie selbstverständlich Lortzing in Logen und Vereinen seiner Zeit vernetzt war: Aufnahme 1825 in Aachen, enge Beziehungen zur Osnabrücker Loge „Zum Goldenen Rade“, für die er 1829 gleich acht Lieder schrieb, sowie eine Festkantate zum 100. Stiftungsfest der Leipziger Loge „Minerva zu den drei Palmen“. In Leipzig war Lortzing zudem Mitglied der Loge „Balduin zur Linde“.
Das Verdienst des Buches liegt darin, diese Spuren konkret und nüchtern sichtbar zu machen – ohne sie zur „Geheimniskunst“ zu überhöhen. Immer wieder schlägt Lüddemann Brücken zwischen Logenkultur, Musikpraxis und Öffentlichkeit. Man versteht, warum Lortzing mit seinen Werken so viele Menschen erreichte – und wie sehr Ideen von Freiheit, Gemeinsinn und Haltung darin mitschwingen konnten.
Gerade im Lortzing-Jubiläumsjahr 2026 (225. Geburtstag, 175. Todestag) ist dieser Band mehr als eine Biografie: eine Einladung, Lortzing neu zu hören – mit freimaurerischem Zusatzblick.
Freimaurerei als Keimzelle des Menschheitsbundes
Dieses Buch ist ein echtes Fundstück für Brüder, die wissen möchten, wie Freimaurerei gedacht wurde, bevor sie zur Gewohnheit, Formel oder bloßen Tradition gerann. Benedikt Paul Göcke führt kenntnisreich in das Denken von Karl Christian Friedrich Krause (1781–1832) ein – und lässt ihn anschließend selbst zu Wort kommen: in zwölf Logenvorträgen im Neudruck.
Der Clou: Göcke macht Krause nicht zur Denkmalfigur. Er zeigt ihn als Bruder mit Ecken und Kanten – mit Konflikten, Ausschluss und späterer Rehabilitation. Das liest sich streckenweise fast wie ein Logenstück aus dem echten Leben und erklärt nebenbei, warum Krauses Idee bis heute fasziniert: Freimaurerei als Schule der Humanität, die nicht im Tempel endet, sondern auf eine kosmopolitische Zivilgesellschaft zielt.
Im zweiten Teil spricht Krause selbst. Der Ton ist historisch – aber genau darin liegt der Reiz. Symbole erscheinen hier nicht als Dekoration, sondern als Denk- und Arbeitswerkzeuge. Wer gern nach Instruktionen weitergrübelt oder im Bruderzirkel vertiefende Gespräche sucht, wird reich belohnt.
Auch editorisch überzeugt der Band: Die Textgrundlage wird transparent gemacht, Eingriffe behutsam erläutert. Kein Schnell-Leser, aber ein sehr lohnender Begleiter für Brüder mit Lust an gedanklicher Vertiefung.
Der Mönch und der Meister
Christian Jacq
Besprochen von Bruder Uwe Schmidt
Es gibt Bücher, die man nicht vergisst. Bücher, zu denen man immer wieder greift und deren besondere Ausstrahlung lange nachwirkt. Romane, die den Wunsch wecken, ihre Protagonisten persönlich kennengelernt zu haben. So ergeht es mir mit „Der Mönch und der Meister“ von Christian Jacq, erschienen im Salier Verlag – ein Werk, das bereits durch seine schöne Aufmachung in den Bann zieht.
Die Handlung ist rasch skizziert: Im besetzten Frankreich des Jahres 1944 wird der Meister vom Stuhl einer Loge „zur Erkenntnis“ gemeinsam mit seinen Brüdern verhaftet und auf ein von der SS bewachtes Schloss gebracht. Hintergrund der Internierung ist das Bestreben einer SS-Einrichtung, des sogenannten „Ahnenerbes“, vermeintlich okkulten Geheimnissen nachzuspüren. In diesem Zusammenhang wurde etwa das Hamburger Logenhaus Stein für Stein abgetragen, weil man in seiner Architektur verborgene Symbolik vermutete.
Auf dem Schloss begegnen die inhaftierten Brüder einem Mönch, der ebenfalls gefangen gehalten wird. Mönch und Meister stehen einander zunächst unversöhnlich gegenüber. Für den Mönch sind Freimaurer Werkzeuge des Bösen.
Unter den entwürdigenden Bedingungen der Haft sind beide den Demütigungen und Grausamkeiten des Lagers ausgesetzt. In zunächst schroffen Gesprächen entwickelt sich zwischen ihnen ein intensiver Dialog über Kirche und Freimaurerei. Allmählich wird ihnen klar, dass sie sich entweder voneinander abwenden – oder gemeinsam bestehen müssen. Sie schließen eine Wette: Der Mönch gelobt, im Falle seiner Befreiung eine Kapelle zu errichten; der Meister verspricht, im selben Fall eine Loge zu bauen.
Die inhaftierten Brüder sind meist vom Meister getrennt, doch geistig bleibt er mit ihnen verbunden. Ihre Kraft schöpfen sie aus der Vorstellung der Bruderkette und den freimaurerischen Symbolen. Unter schwierigsten Bedingungen bereiten sie eine Tempelarbeit vor. Die Beschaffung von Gegenständen, die symbolisch die Logenwerkzeuge ersetzen könnten, bestimmt fortan ihr Denken und Handeln.
Währenddessen arbeiten Mönch und Meister in der Krankenstation des Lagers zusammen: der eine mit profunden Kenntnissen der Kräuterkunde, der andere als Arzt. Aus anfänglicher Distanz wächst Respekt, aus Respekt Empathie, schließlich Freundschaft – ohne dass einer den Standpunkt des anderen aufgibt.
Als die Tempelarbeit schließlich stattfinden soll, fehlt ein Wachposten. Der Meister überredet den zögernden Mönch, die Wache zu übernehmen – nicht um Freimaurer zu werden, sondern um zu ermöglichen, dass andere in Würde handeln können.
Beide überleben die Befreiung des Lagers, viele Brüder jedoch nicht. 1947 begegnen sie sich wieder. Der Mönch ist inzwischen Abt seines Klosters und baut eigenhändig an der versprochenen Kapelle. Der Meister, nun Bürgermeister des Ortes, hat einen Raum für die Logenarbeit gefunden und sammelt die versprengten Brüder, um die Loge neu zu beleben. Aus Gegnern sind Freunde geworden, die die Haltung des jeweils anderen achten gelernt haben.
Ich las dieses Buch bereits kurz nach seinem ersten Erscheinen in deutscher Sprache 1998 bei Rowohlt. Christian Jacq selbst schrieb, es handle sich um eine wahre Geschichte und er habe die Protagonisten persönlich gekannt. Jahre später erfuhren wir von der Loge „Liberté chérie“, die im Konzentrationslager Esterwegen gegründet wurde – vermutlich die einzige Loge, die je in einem Konzentrationslager bestand. Darin scheint eine historische Vorlage für den Roman zu liegen. So schließt sich der Kreis.
Christian Jacq: Der Mönch und der Meister, Salier Verlag
Franz Bridoux: Liberté chérie, Salier Verlag
Der Salier Verlag
Der Salier Verlag ist einer der wenigen deutschsprachigen Verlage, die sich konsequent und mit editorischer Sorgfalt freimaurerischen Themen widmen. Das Programm reicht von historischen Quelleneditionen und philosophischen Studien über kulturgeschichtliche Biografien bis hin zu belletristischen Werken mit freimaurerischem Bezug.
Charakteristisch ist der respektvolle Umgang mit Texten und Traditionen: behutsame redaktionelle Eingriffe, transparente Editionspraxis und eine hochwertige Ausstattung. Der Salier Verlag versteht Freimaurerei nicht als Nischenphänomen, sondern als lebendige Kultur- und Geistesgeschichte – offen für Brüder wie für interessierte Leserinnen und Leser.