Weiden. „Wir sind keine Massenbewegung – aber ein Ort, an dem Menschen mit Haltung sich begegnen können.“ Großmeister Stefan Kunnert über Vertrauen, Rituale, Öffentlichkeitsarbeit – und warum Freimaurerei heute kein Versprechen, sondern ein Angebot für Sinnsuchende ist.

Lieber Bruder Stefan, der Titel Großmeister der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland klingt nach Autorität und Würde. Was bedeutet dir dieses Amt?

Bruder Stefan Kunnert: Ich bin nicht der Typ, der das Amt sucht – aber ich habe es übernommen, als es mir angetragen wurde. Nach reiflicher Überlegung und im engen Austausch mit meiner Familie. Ich habe aber auch klargemacht: Wenn ich das mache, dann nur im Team. Keine One-Man-Show. Die Verantwortung für 9290 Brüder und rund 290 Logen kann man nicht allein tragen. Aber ich sehe es als Chance, das, was mir an der Freimaurerei wichtig ist, gemeinsam weiterzuentwickeln.

Wie bist du selbst zur Freimaurerei gekommen?

Bruder Stefan Kunnert: 2005 hörte ich bei einer Distriktversammlung des Lions Clubs einen Vortrag über die Geschichte Bayreuths. Die Referentin erzählte so lebendig, dass ich das Logenhaus von 1741 unbedingt selbst aufsuchen wollte. Ich habe dann den Kontakt zur Loge gesucht, wurde eingeladen – und es war tatsächlich Liebe auf den ersten Blick. Das Haus, die Atmosphäre, das Gesprächsniveau: Ich wusste, das ist kein Club, das ist eine Bauhütte.

Großmeister Stefan Kunnert im Redaktionsgespräch. Foto: Jürgen Herda

Respekt und Rituale – kein Widerspruch

Was hat dich an der Logenkultur besonders angesprochen?

Bruder Stefan Kunnert: Die Gesprächskultur. Man hört einander zu, man lässt sich ausreden. Kein Werturteil, kein Profilieren. Tiefgang. Es geht um Inhalte, die unseren Geist berühren. Um ernsthafte Beschäftigung, nicht oberflächliches Profilieren. Auch Streit, ja – aber respektvoll. Wir sind unterschiedlich: im Alter, Bildungsgrad, sozialen Hintergrund. Aber wir begegnen uns auf Augenhöhe. Das brüderliche Du nimmt Hemmschwellen.

Das hört sich fast nach heiler Welt an. Die Lebenserfahrung lehrt, wo drei Leute in einem Verein zusammenkommen, gibt es vier verschiedene Meinungen – erst recht bei 9290 …

Bruder Stefan Kunnert: Klar, auch in Logen wird gestritten – wir sind keine heile Welt, sondern eine Werkstatt. Freimaurerei ist keine Partei, keine Ideologie, keine Massenbewegung. Es ist eine Idee zur Lebensgestaltung, bei der man sich mit sich selbst auseinandersetzt.

Was bedeutet dir die Symbolik der Rituale?

Bruder Stefan Kunnert: Die Symbolik hat mich als Architekt natürlich sofort angesprochen: Winkel, Senkblei, Maßstab – das sind nicht nur Werkzeuge, das sind Haltungen. Ich habe studiert, als man noch mit Zirkel und Winkel zeichnete. Mit den Symbolen kommst du bei der Aufnahme in Berührung. Der Arbeitsteppich wird dir erklärt, du musst dich darauf einlassen. Das Meditieren darüber ist Teil der Erfahrung. Die Wiederholung im Ritual macht etwas mit dir. Winkelwaage für Respekt, Senkblei für Aufrichtigkeit – diese Symbole helfen, sich zu orientieren. Sie haben mich in meiner Art geprägt. Sie prägen auch mein berufliches Verhalten: im Umgang mit Bauherren, mit Mitarbeitern.

Erlebst du Reformbedarf bei den Ritualen?

Bruder Stefan Kunnert: Für mich sind sie vertraut. Wenn du in einer anderen Obödienz bist – in Neu-Delhi etwa – hörst du das Ritual in Pidgin-Englisch, aber du erkennst: Es ist dasselbe. Eine universelle Sprache. Das ist mir wichtig: Es gehört zum Wesen der Freimaurerei. Natürlich gibt es immer wieder mal auch Reformen – etwa sprachliche Modernisierungen. Aber inhaltlich bleibt das Ritual gesetzt.

Hat die freimaurerische Symbolik deine Architektur beeinflusst?

Bruder Stefan Kunnert: Nein, nicht wirklich. Ich plane pragmatisch und funktional. Aber wenn ich mal ein Logenhaus bauen dürfte, würde ich manches anders machen. Historisch gibt es viele Bezüge, etwa im Straßburger Münster, wo Führungen für Freimaurer angeboten werden. Wichtig ist: Wir können stolz sein auf über 300 Jahre. Aber das Hier und Jetzt ist entscheidend.

Großmeister Stefan Kunnert im Redaktionsgespräch. Foto: Jürgen Herda

Verantwortung braucht Vertrauen

Wie würdest du deine bisherige Amtsführung als Großmeister beschreiben?

Bruder Stefan Kunnert: Das Amt kam zu mir. Ich wurde 2006 aufgenommen, wurde ziemlich schnell Aufseher, Meister vom Stuhl in Bayreuth. 2018 wurde ich beim Großlogentag in Bamberg zum zugeordneten Großmeister gewählt, 2022 in Berlin zum Großmeister. Immer hat man mich gefragt, nie habe ich nach dem Amt gestrebt. Ich habe es gerne angenommen, unter der Voraussetzung, dass der neu gewählte Vorstand als Team auftritt. Das Amt bedeutet, Verantwortung für 9290 Mitglieder und knapp 290 Logen zu tragen.

Welche Schlüsse ziehst du aus der Mitgliederbefragung?

Bruder Stefan Kunnert: Für mich ist wichtig, das Ohr an der Bruderschaft zu haben – und das haben wir. Bei jedem Stuhlmeistertag in den elf Distrikten bin ich selbst oder einer unserer zugeordneten Großmeister präsent. Dort gibt es Austausch und Feedback. Auch beim Großlogentag wird Klartext geredet. Ich bin regelmäßig in meiner Heimatloge, bekomme direkte Zuschriften. Deshalb denke ich, dass ich einen guten Eindruck davon habe, wie die Stimmung unter den Brüdern ist.

Wie füllst du das Motto „Vertrauen schenken, Offenheit leben“ konkret?

Bruder Stefan Kunnert: Das Motto ist eine Einladung. Brüder konnten ihre Ideen zeigen, wir haben einen Markt der Möglichkeiten organisiert. Es geht um Vertrauen im Innern: Gedanken einbringen, Kritik zulassen. Offenheit heißt auch, aus der eigenen Filterblase herauszutreten – zum Beispiel in der Öffentlichkeitsarbeit. Viele Logen öffnen sich heute stärker in ihre Stadtgesellschaft hinein.

Wie viel Marketing verträgt die Freimaurerei?

Bruder Stefan Kunnert: Wichtig ist Authentizität. Ein frisches, zeitgemäßes Bild kann Interesse wecken. Aber im Alltag geht es nicht nur um hohe Philosophie, sondern auch um Geselligkeit. Wer kommt, muss wissen, was ihn erwartet.

Großmeister Stefan Kunnert im Redaktionsgespräch. Foto: Jürgen Herda

Mehr Sichtbarkeit freimaurerischer Werte

Wie soll Freimaurerei auf Klimakrise, Krieg oder autoritäre Ideologien reagieren?

Bruder Stefan Kunnert: Wir sind keine programmatische Organisation. Ich würde mir nicht anmaßen, für alle Freimaurer zu sprechen. Artikel 2 unserer Freimaurerischen Ordnung stellt Glaubens-, Gewissens- und Denkfreiheit an oberste Stelle. Jeder Bruder lebt das für sich. Der Auftrag, sich selbst und den eigenen Einflussbereich ein Stück besser zu machen, endet nicht an der Logentür.

Zur Frage nach Geschlechtsidentität:

Bruder Stefan Kunnert: Wir sind ein Männerbund und wollen es bleiben. Die Vereinigten Großlogen von Deutschland haben ein Gutachten in Auftrag gegeben. Beim Großlogentag in Bremen 2026 werden wir dazu eine Meinungsbildung entwickeln. Aktuell sprechen wir in der AFuAMvD über einen einzigen bekannten Fall bei 9290 Mitgliedern.

Digitaler Aufbruch – mit Maß

War „humanität online“ ein schwieriger Schritt?

Bruder Stefan Kunnert: Natürlich gab es Wehmut, aber auch viel positives Feedback. Wir haben nichts übers Knie gebrochen. Die meisten Brüder finden es gut. Ich glaube, das wird ein neues Kapitel unserer freimaurerischen Kommunikation – und erreicht auch Jüngere.

Wo siehst du Optimierungspotenzial in der Zusammenarbeit?

Bruder Stefan Kunnert: Unsere Strukturen sind solide, aber es gibt immer Potenzial. Wir haben viel aus der Pandemie gelernt. Viele Sitzungen finden per Video statt. Das spart Zeit, Geld und Nerven. Auch unsere Kanzlei in Berlin wurde neu organisiert – technisch und personell. Das hat einen Modernisierungsschub gegeben.

Großmeister Stefan Kunnert im Redaktionsgespräch. Foto: Jürgen Herda

Tradition – aber nicht museal

Braucht die Freimaurerei Reformen – oder eher Rückbesinnung?

Bruder Stefan Kunnert: Beides. Die Rituale sind unser Fundament. Sie wurden behutsam in die heutige Zeit transformiert. Der Kern bleibt erhalten. Es wirkt – weil es verlässlich ist und zur inneren Arbeit führt.

Zukunft aus Verantwortung

Wie gewinnen und halten wir Brüder?

Bruder Stefan Kunnert: Eine gute Loge lebt vom Dialog der Generationen. Wo sonst treffen sich ein 21-Jähriger und ein 82-Jähriger auf Augenhöhe? Freimaurerei kann diesen Raum schaffen – wenn sie sich öffnet.

Was macht einen Freimaurer heute aus?

Bruder Stefan Kunnert: Ein Freimaurer bekommt keine Ideologie serviert, sondern ein Angebot zur Selbstreflexion. Du wirst nicht nach einem halben Jahr ein neuer Mensch sein. Aber du bekommst Impulse, die dein Leben bereichern können. Freimaurerei ist kein Versprechen – sondern ein Angebot.

Warum ist Freimaurerei heute relevant?

Bruder Stefan Kunnert: Weil sie dir in deinem persönlichen Puzzle ein wesentliches Teil gibt – einen Aspekt, der in viele Lebensbereiche inspirierend hineinwirkt. Und das ganz ohne Drogen. (lacht)

Architekturen von Großmeister Stefan Kunnert. Foto: Kunnert Architektenmehr anzeigen
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