Weiden. „Das Amt kam zu mir“, sagt Großmeister Stefan Kunnert. Keine Floskel der Bescheidenheit, eine Frage des Prinzips. Der oberste Repräsentant der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland (AFuAMvD) ist ein Teamplayer auf Augenhöhe.

Zum Auftakt der in Essen angekündigten Interviewreihe mit Brüdern aller Destinationen besuche ich den Großmeister der Großloge A.F.u.A.M.v.D.. Nicht weil er der oberste Würdenträger der mitgliederstärksten Freimaurer-Großloge von Deutschland ist, sondern weil er mir geographisch am nächsten ist. Und irgendwo muss man ja schließlich anfangen.

Nach über drei Jahrzehnten Journalismus hat man ein ganz gutes Gespür dafür, wie Gesprächspartner so ticken. Es gibt sie in allen Bereichen, ob Politik, Wirtschaft oder Gesellschaft: eitle Pfaue, die sich in der Selbstdarstellung sonnen. Oder misstrauische Blocker, denen man jedes Wort aus der Nase ziehen muss. Auf der anderen Seite will ich auch die Fähigkeiten von Menschen ins rechte Licht rücken, die sich schwertun, die richtigen Worte zu finden.

„Mit dem kann man ja ganz normal reden“

Auf Stefan Kunnert trifft all das nicht zu. Man merkt nach wenigen Sätzen: Hier redet keiner, der sich profilieren muss. Der 62-jährige Oberpfälzer spricht intensiv, überlegt, präzise – aber zugleich mit entwaffnender Offenheit und herzlichem Humor. Er trägt sein Amt nicht vor sich her, es steht ihm wie ein gutsitzender Maßanzug: ohne Etikettenschwindel, ohne überflüssigen Zierrat.

„Mit dem kann man ja ganz normal reden“, hört der Großmeister immer wieder auf Reisen von Brüdern, die ihn zum ersten Mal persönlich erleben. „Wie denn sonst?“, wundert sich der Oberpfälzer. „Wo g’redt wird, kumma d’Leit zam.“ Mit Untertiteln: „Reden verbindet.“ Und der Chef der Großloge macht auch klar: „Ich würde mir nicht anmaßen, für alle Freimaurer zu sprechen – das wäre vermessen.“ Leitlinien ex cathedra zu strittigen Themen darf man also nicht erwarten.

„Bauen ist Teamwork!“

Schließlich stelle Artikel 2 der Freimaurerischen Ordnung Glaubens-, Gewissens- und Denkfreiheit an oberste Stelle. „Jeder Bruder lebt das für sich.“ Ein Grundsatz, den er auch für seine Baukunst übernommen hat: „In unserer heutigen demokratischen Gesellschaft steht es uns allen offen, Bauen als ein Stück Kulturproduktion zu verstehen und gebaute Lebensqualitäten entstehen zu lassen, die Architektur zu leisten im Stande ist – Bauen ist Teamwork!“

Wer ihn in seinem Architekturbüro in Weiden, seiner Mutterloge in Bayreuth, dem Großlogentreffen in Essen erlebt, begegnet keinem Funktionär, sondern einem Suchenden, der das Glück hatte, eine Lebensform zu finden, die zur eigenen Haltung passt. In knapp drei Stunden Dialog stellen wir fest: Es gibt bei allen Unterschieden – von Lehrling zu Großmeister, von Journalist zu Architekt, von Bohemien zu Asket – viele Gemeinsamkeiten: Entdeckerlust und Wissensdurst erklärt unsere Umtriebigkeit. Die Suche nach der Frage aller Fragen, dem großen Ganzen, was unsere Welt in ihrem Innersten zusammenhält.

Vom Plan zur Bauhütte

Dass dieser Mann Architekt ist, merkt man nicht nur an der geraden Linienführung seiner Gedanken. Wer mit ihm über Rituale spricht, erkennt eine vergleichbare Präzision wie bei der ikonographischen Beschreibung eines Tempels – und spürt zugleich das Staunen eines Kindes, das das erste Mal einen gotischen Dom betritt. Die Symbolik der Freimaurerei hat ihn nicht nur ästhetisch ergriffen, sie hat ihn geformt: in der Art, wie er mit Bauherren spricht, mit Kollegen, mit Brüdern.

Das Tor zur Freimaurerei öffnet sich ihm 2005 erstmals einen Spalt breit. Der Vortrag einer Historikerin, die beim Lions-Club die Geschichte Bayreuths, die Gründung der „Eleusis zur Verschwiegenheit“ als damalige „Schlossloge“ (Matrikelnummer 6) durch Friedrich von Brandenburg-Bayreuth und das Wirken von Markgräfin Wilhelmine schildert, auf deren Initiative der Bau des Markgräflichen Opernhauses und von zwei Freilichttheatern im Hofgarten Eremitage zurückgeht, ist Initialzündung. Er nimmt Kontakt zur Bayreuther Loge auf.

Mit Zirkel und Winkel: „Liebe auf den ersten Blick“

Der Funke springt über. Es folgt ein Gästeabend, ein erster Blick auf freimaurerische Inhalte – und etwas, das er nur schwer in Worte fassen kann: eine innere Bewegung, die ihn bis heute trägt. „Liebe auf den ersten Blick“, sagt er über diesen Moment. „Das neoklassizistische Logenhaus des Bayreuther Baumeisters und Architekten Johann Carl Wölfel, eingeweiht 1881, mit seinem beeindruckenden Ambiente“, flößt ihm Ehrfurcht ein. Im Erdgeschoss das Deutsche Freimaurermuseum: „Das hast du noch nicht gesehen?“, fragt er augenzwinkernd entrüstet. „Du musst unbedingt mitkommen – ein Muss für jeden Bruder.“

Zur Person: Stefan Kunnert

Der 1963 in Weiden geborene Architekt ist seit 2006 Mitglied der Freimaurerloge „Eleusis zur Verschwiegenheit“ (Matrikel-Nr. 6) und seit 2022 Großmeister der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland (AFuAMvD). Nach Stationen als 1. Aufseher, zugeordneter Stuhlmeister und Meister vom Stuhl wurde er 2018 zum zugeordneten Großmeister gewählt.

Stefan Kunnert steht für eine diskrete, aber klare Modernisierung der Organisation, betont die Rolle der Logen als Orte der persönlichen Entwicklung und treibt digitale Projekte wie die humanität online maßvoll voran. Privat lebt er asketisch, liebt gute Gesprächskultur – und das rechte Maß, nicht nur im Ritual.

Stefan Kunnert im brüderlichen Gespräch: Der Großmeisterhat die herausgehobene Stellung nicht angestrebt – aber sie angenommen. Keine One-Man-Show, sondern kollegiale Führung. Bild: Jürgen Herda

Stefan Kunnert im brüderlichen Gespräch: Der Großmeister hat die herausgehobene Stellung nicht angestrebt – aber sie angenommen. Keine One-Man-Show, sondern kollegiale Führung. Bild: Jürgen Herda

Einer von uns, der Verantwortung übernimmt

„Ich hätte nie gedacht, dass ich dieses Amt einmal bekleiden würde“, sagt er demütig über seine Rolle als Großmeister, die er nicht spielt, sondern seit seiner Wahl beim Großlogentag 2022 in Berlin aufrichtig lebt. Es ist diese Haltung, die seine Eignung zur konsensualen Führung als Primus inter Pares unterstreicht: Er hat die herausgehobene Stellung nicht angestrebt – aber sie angenommen, als sie ihm angetragen wurde. Unter einer Bedingung: Dass er ein Team um sich formt. Keine One-Man-Show, sondern kollegiale Führung.

Rund 290 Logen, 9.290 Brüder – das ist kein Ehrenamt, das ist ein Balanceakt. Ein Abwägen, Vermitteln, Zurücknehmen eigener Positionen. Er beantwortet Zuschriften persönlich, kennt die Stimmen an der Basis, meidet Machtgesten. Wenn er den Hammer übernimmt, tut er das nicht für sich, sondern für das Amt. Wenn er abstimmen lässt, akzeptiert er kritische Stimmen. Wenn er Neuerungen wie die humanität.online anstößt, dann nicht übers Knie gebrochen – sondern mit Weitblick und Geduld.

Kein Guru, kein Gaukler – ein Gefährte

„Wir sind keine programmatische Organisation“, lehnt er öffentliche Statements zum Zeitgeschehen ab. Toleranz, Freiheit, Brüderlichkeit seien freimaurerische Grundwerte. Aber jeder Bruder könne sie anders interpretieren. Der Auftrag, sich selbst und den eigenen Einflussbereich, sei er klein oder noch so groß, ein Stück besser zu machen, ende nicht an der Logentür. „Aber wir schreiben niemandem vor, wie er seine Überzeugungen lebt.“

Wenn junge Menschen auf Sinnsuche in einer Loge eine Heimat fänden, sei das ein Gewinn. Für sie und für uns. „Aber wir sind auch keine therapeutische Einrichtung.“ Freimaurerei sei eine Einladung zur Selbstreflexion, kein Heilsversprechen. Es dürfe nicht die Erwartung entstehen, dass man nach einem halben Jahr ein anderer Mensch ist. „Freimaurerei ist kein Versprechen – sondern ein Angebot.“ Und eine Lebensaufgabe. Kein intellektueller Spurt, sondern ein ganzheitlicher Marathon.

Epilog: Vertrauen schenken, Offenheit leben

Kunnert selbst lebt diese Verantwortung auch physisch: Er trinkt keinen Alkohol mehr. „Weil es mir guttut“, sagt Stefan Kunnert. „Ich liebe mein Gehirn, ich will wach bleiben, klar bleiben.“ Diese Entscheidung habe ihm Lebensqualität geschenkt. Er fühle sich fitter, sein Blutdruck sei top, er habe zehn Kilo abgenommen. „Wenn du als Großmeister ständig unterwegs bist, brauchst du einen klaren Kopf.“ Diese uneitle Askese sei auch Ausdruck von Verantwortung: „Mir selbst und anderen gegenüber.“

„Vertrauen schenken, Offenheit leben.“ Das Motto des Großlogentreffens in Essen ist mehr als ein flotter Marketingspruch: Es ist der Markenkern seiner Amtszeit. Stefan Kunnert lebt vor, was Freimaurerei in der Gegenwart sein kann – ohne Pathos, aber mit Haltung. Ohne Lautstärke, aber mit Wirkung. Ohne erhobenen Zeigefinger – aber mit ausgestreckter Hand. Ein Bruder unter Brüdern. Und ein Mensch, dem man gerne folgt – weil er nicht führt, sondern begleitet.