Von Bruder Thorsten Lieder, Distriktmeister Bremen, Großloge der AFuAMvD

Esterwegen. Am 10. Mai 2025 versammelten sich über 100 Teilnehmende aus Belgien, den Niederlanden und ganz Deutschland an der Gedenkstätte Esterwegen, um gemeinsam der Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken. Anlass war der 80. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus – ein Datum, das mahnt, erinnert und zur Mitverantwortung aufruft.

Den Auftakt bildete eine feierliche Zeremonie am freimaurerischen Gedenkstein auf dem Lagerfriedhof in Bockhorst, wo im Zeichen der Menschlichkeit drei Rosen niedergelegt wurden – ein zentrales Symbol der Freimaurerei. Auch an der benachbarten Gedenkhalle gedachten die Teilnehmenden der Opfer der zwölf Emslandlager.

Brüderlichkeit über Grenzen hinweg

An der nachmittäglichen Hauptveranstaltung nahmen prominente Gäste teil, darunter die Präsidentin des Niedersächsischen Landtags Hanna Naber, der Bürgermeister der Samtgemeinde Nordhümmling Christoph Hüntelmann, Vertreter der deutschen und belgischen Freimaurerei, des Grand Orient de Belgique sowie der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland.

In seiner Ansprache hob Bruder Thorsten Lieder, Distriktmeister Bremen, die doppelte Symbolkraft von Esterwegen hervor: als Ort der Unterdrückung – und zugleich als Ort freimaurerischen Widerstands. In diesem Lager waren auch Brüder wie Carl von Ossietzky und Mitglieder der belgischen Loge „Liberté Chérie“ inhaftiert, die trotz allem das Licht der Freimaurerei weitertrugen.

„Dass wir heute gemeinsam gedenken dürfen – Menschen aus dem einstigen Tätervolk und aus jenen Nationen, die unter dem Nationalsozialismus gelitten haben – ist ein Zeichen der Versöhnung und des Vertrauens“, so Bruder Thorsten Lieder. Gerade in Zeiten wachsender Spannungen sei es geboten, die Werte von Toleranz, Humanität und Menschenwürde offensiv zu vertreten.

Stimmen der Erinnerung

Dr. Martin Koers, Geschäftsführer der Gedenkstätte, verzichtete bewusst auf eine chronologische Lagergeschichte. Stattdessen ließ er Opfer und Täter selbst zu Wort kommen – durch Briefe, Tagebucheinträge und Zeugnisse, die den Zuhörenden unter die Haut gingen.

In einem eindringlichen Grußwort forderte Hanna Naber Freimaurerinnen und Freimaurer auf, sich aktiver in gesellschaftliche Diskurse einzubringen. Ihr eigenes Bild vom Bund sei in jüngerer Zeit durch Begegnungen mit Logen sehr positiv geprägt worden.

Auch Bruder Uwe Schmidt, zugeordneter Großmeister der Großloge AFuAMvD, erinnerte an das Versagen der deutschen Freimaurerei zur Zeit der Machtergreifung – und an die bleibende Verantwortung, aus der Geschichte zu lernen.

Liberté Chérie – Erinnerung als Auftrag

Eric Gelhay, Repräsentant des Grand Orient de Belgique, ehrte die Brüder der Loge „Liberté Chérie“, die selbst unter Lagerbedingungen zusammenkamen, um inmitten der Barbarei ein Zeichen freimaurerischer Würde und Hoffnung zu setzen. Sein Dank galt ausdrücklich den deutschen Brüdern, die diese Erinnerung heute bewahren und forttragen.

Zeichen der Kunst und tätiger Hilfe

Musikalisch begleitet wurde die Veranstaltung von Bruder Oliver Stroemer.

Der Künstler Bruder Cornelius Rinne präsentierte Kunstdrucke seines Werks „Liberté Chérie“, deren Erlös der Gedenkstätte zugutekommt. Zudem überreichten die Freimaurer eine Spende in Höhe von 2.000 Euro – ein Zeichen gelebter Solidarität.


Esterwegen und die Loge „Liberté Chérie“

Das Konzentrationslager Esterwegen war eines von zwölf sogenannten Emslandlagern, in denen zwischen 1933 und 1945 mehr als 100.000 Menschen inhaftiert wurden – darunter politische Gegner, Geistliche, Widerstandskämpfer und auch Freimaurer.

Ein besonderes Kapitel der Erinnerung betrifft die belgische Loge „Liberté Chérie“, deren Mitglieder im Lager Esterwegen heimlich freimaurerische Arbeiten abhielten. Inmitten von Elend und Willkür erhoben sie das Licht des Bundes zu einem Akt innerer Freiheit – und ließen es auch im Angesicht des Todes nicht verlöschen.

Der freimaurerische Gedenkstein in Bockhorst erinnert heute an diesen mutigen Geist. Die Gedenkstätte Esterwegen ist ein internationaler Ort des Gedenkens und der historisch-politischen Bildung – getragen von der Verantwortung, das „Nie wieder“ mit Leben zu füllen.