Von Bruder Rolf Fraedrich (Meister vom Stuhl)
Johannis-Freimaurerloge Herder i. O. Bremen

Bremen. Wie gelingt Inklusion im schulischen Alltag wirklich? Und wo stößt ein gut gemeintes gesellschaftliches Versprechen an seine Grenzen? Mit diesen Fragen setzte sich ein Vortragsabend in der Loge Herder auseinander – und machte deutlich, dass Inklusion weit mehr ist als ein pädagogisches Konzept: Sie ist eine gemeinsame Aufgabe von Schule, Politik und Stadtgesellschaft.

Referent des Abends war Steffen Gentsch, an einer Bremer Schule verantwortlich für die sogenannte Unterstützende Pädagogik (UP). Ausgehend von seiner persönlichen Motivation spannte er einen weiten Bogen: von den ethischen Grundlagen inklusiver Bildung bis zu den ganz praktischen Herausforderungen, mit denen Lehrkräfte täglich konfrontiert sind.

Zwischen Verfassungsauftrag und Schulalltag

Gentsch erinnerte daran, dass Inklusion kein freiwilliges Zusatzprogramm ist, sondern einen klaren rechtlichen und moralischen Auftrag besitzt. Er verwies auf Artikel 3 des Grundgesetzes, der festhält: „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt oder bevorzugt werden.“

Bremen, so der Referent, habe diesen Auftrag früh ernst genommen. Bereits Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre begannen Kooperationen zwischen Förderzentren und Regelschulen. Mit den jüngsten Änderungen im Bremer Schulgesetz im Jahr 2025 sei dieser Weg weiter gestärkt worden. In der deutschen Bildungslandschaft nehme Bremen damit eine Vorreiterrolle bei der Umsetzung inklusiver Schulstrukturen ein.

Konkrete Räume für Teilhabe

Wie Inklusion im Alltag konkret gestaltet werden kann, verdeutlichte Gentsch am Beispiel der Oberschule Roter Sand. Dort entsteht derzeit ein Schulneubau, der bewusst auf sogenannte Lernlandschaften setzt. Vorgesehen ist unter anderem ein Bewegungsraum, der es ermöglicht, Kinder mit körperlichen Beeinträchtigungen gezielt zu fördern – nicht separiert, sondern eingebunden in den gemeinsamen Schulalltag.

Gleichzeitig sprach der Referent offen über die Schwierigkeiten, die viele engagierte Lehrkräfte begleiten: unzureichende finanzielle Ausstattung, akuter Personalmangel und fehlende Zeit für Absprachen und Kooperation. Inklusion, so wurde deutlich, lebt vom Engagement der Beteiligten, scheitert jedoch allzu oft an strukturellen Rahmenbedingungen.

Steffen Gentsch verzichtete bewusst auf ein Honorar. Stattdessen wurde am Ende der Veranstaltung um Spenden für den Schulverein Oberschule Roter Sand e. V. gebeten. Die Mittel sollen zweckgebunden dem neuen Bewegungsraum zugutekommen. Die Freimaurerloge Herder stockte den gesammelten Betrag großzügig auf – ein stilles, aber klares Zeichen gelebter Solidarität.

Zum Abschluss dankte Meister vom Stuhl Rolf Fraedrich dem Referenten im Namen der Loge mit den traditionellen drei Rosen sowie einer Flasche Wein. Es war ein Abend ohne große Gesten, aber mit spürbarer Ernsthaftigkeit – und mit dem gemeinsamen Bewusstsein, dass Inklusion dort beginnt, wo Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.

Was bedeutet „Unterstützende Pädagogik“ (UP)?

Unterstützende Pädagogik bezeichnet schulische Konzepte und Maßnahmen, die Kinder und Jugendliche mit besonderen Förderbedarfen im gemeinsamen Unterricht begleiten. Ziel ist es, individuelle Stärken zu fördern und Barrieren im Lern- und Schulalltag abzubauen – unabhängig von körperlichen, geistigen oder sozialen Voraussetzungen.UP arbeitet interdisziplinär: Lehrkräfte, Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen, Therapeutinnen und Therapeuten und Schulsozialarbeit kooperieren, um Lernprozesse, soziale Teilhabe und persönliche Entwicklung zu ermöglichen. Entscheidend ist dabei nicht Aussonderung, sondern Unterstützung innerhalb der Gemeinschaft – ein Ansatz, der Inklusion als pädagogische und gesellschaftliche Aufgabe versteht.