Von Br. Daniel Schleusener

 

…auch zum Hören als Podcastfolge

Eine bekannte Situation?

Es ist ein Freitagabend in Deutschland, 21:47 Uhr. Bruder F. aus A. sitzt an einer zum Hufeisen gestellten Tischkombination und nimmt an der Konferenzloge der Loge „Zur dreifach geknoteten U.“ im Orient Sch. teil – und leidet. Aus der Küche duftet es nach Kasseler mit Sauerkraut und er spürt den Hunger. Vom Verlauf des Gespräches im Anschluss an die Zeichnung „Von Schwierigkeiten mit der Menschenliebe im Alltag“ bekommt er kaum noch etwas mit und gemeldet, um etwas beizutragen, hat er sich auch noch nicht. Das ist aber nicht schlimm, denkt F., immerhin holt er das durch seine gesellige Art ohnehin später wieder auf; für seine zotigen Witze ist er logenbekannt. Das Gespräch scheint plötzlich noch eine intensive Wendung bekommen zu haben – ärgerlich, denn es ist 21:52 Uhr. F. überlegt, ob er den Brüdern helfen sollte, pünktlich Schluss zu machen, indem er kurz vor Schluss eine deftige Pointe setzt; um die Stimmung aufzuhellen und in den geselligen Teil überzuleiten. Dass dann niemand mehr auf ihn antworten könnte, kommt ihm dabei eigentümlich gelegen, spürt er.

Bruder F. ist kein Einzelfall. In jeder Loge kann es sie geben – die unruhigen Geister, die mehr auf den Kasseler als auf die „Menschenliebe im Alltag“ fokussiert sind. Doch was macht eigentlich den Unterschied zwischen einer fruchtbaren Konferenzloge und einem Pflichttermin vor dem geselligen Teil aus – und welche ideale innere Haltung kann man von dieser einzigartigen Gesprächsform ableiten?

Es gibt je nach Loge durchaus unterschiedliche Bezeichnungen für die gemeinte Gesprächsform: Bruderabend, brüderliches Gespräch, u.a. – ich nutze im weiteren Verlauf Konferenzloge für einen Abend, in dem ein Thema aus dem Sinnfeld Freimaurerei in einer Zeichnung vorbereitet und danach in einem Gesprächsteil mit Meldung über subjektiv-ergänzende Beiträge besprochen wird. Ich werde im Verlauf auf weiterhin vom „Bruder“ sprechen, auch wenn gleiche Mechanismen auch in der femininen Freimaurerei zu beobachten sein werden.

Problem: Was tun wir eigentlich in einer Konferenzloge?

Es fällt uns oft schwer zu beschreiben, was in einer Konferenzloge passiert oder passieren soll, was ihre Funktion ist und wie man sich in ihr am besten verhält. Nach welchen Richtlinien soll man seine eigenen Wortbeiträge verfassen, und wie kann man Fallen vermeiden, die sich aus der Privatwelt oder Berufswelt ergeben? Und um welche Gesprächsform handelt es sich eigentlich beim Gesprächsteil nach der Zeichnung? Die Begriffe Aussprache, Debatte, Diskussion, Verhandlung beschreiben alle etwas anderes als das, was wir dort tatsächlich tun. Um das zu beschreiben, brauchen wir Hilfe.

Der Philosoph Anthony Laden bietet mit seinem Modell des „Reasoning as a social picture“ 1, ein Schema, das sich wunderbar auf die Konferenzloge anwenden lässt und als dessen Übersetzung ich „Mitdenken als soziale Aktivität“ vorschlage. Ladens Ausgangspunkt lautet: Es gibt ganz verschiedene Arten des gemeinsamen Denkens, und jede verlangt eine andere Haltung.

Mitdenken statt Problemlösen

Laden unterscheidet das „Mitdenken als soziale Aktivität“ vom allgemeineren „Denken“, das zusammen oder allein meist der Problemlösung dient – sei es bei mathematischen Aufgaben, der Aufteilung der Haushaltsarbeit oder dem Versuch, andere argumentativ von der eigenen Meinung zu überzeugen. Eine andere Abgrenzung ist die zur Verhandlung, bei der wir versuchen einen Kompromiss zwischen zwei Positionen zu finden.

In einer Konferenzloge geht es aber um etwas anderes als das, nämlich grob gesagt: Wir besprechen, vorbereitet durch eine Zeichnung, wie wir die freimaurerischen Ideale zu einem Themen- oder Problemfeld praktisch umsetzen können oder was das vorgestellte Thema für Freimaurer bedeuten sollte. Wir erörtern dieses Feld durch eigene Beschreibungen und tauschen individuelle und subjektive Perspektiven darüber aus, wie sich ein Freimaurer in Situationen verhalten könnte, und welche Probleme es dabei gibt.

Im Gespräch nach der Zeichnung versuchen wir Räume für geteilte Überlegungen zu schaffen, Räume für das Weiterführen eines Gesprächs zu eröffnen, in denen das Gesagte als Einladung zum Mitdenken zu verstanden werden soll. Damit stellt man sich anders auf die Gesprächsteilnehmer ein, hält sich anders beim Reden und das Gesagte hat auch ein ganz anderes Ziel. Anders als bei einer Diskussion soll keine „beste Lösung für alle“ gefunden werden; es entsteht keine Resolution, die wir verabschieden; wir peilen nicht einmal zwingend ein Ergebnis an. Die Qualität des Gespräches ergibt sich aus Art und Inhalt Interaktion zwischen den Brüdern, nicht aus einem Fazit.

Eine Konferenzloge ist daher vielleicht am besten mit „Deliberation“ bezeichnet, oder einer gemeinsamen „Beratung“ – einer Aktivität, die an der Qualität der Begegnung gemessen wird und die Verhältnisse der Beteiligten untereinander und zum idealen Freimaurer ausmisst, aber dennoch einem Ziel dient, das freilich nie endgültig erreicht werden muss.

Das freimaurerische „Wir“

Dieses Ziel ist in der Struktur der Freimaurerei umrissen: Wir wollen uns als Freimaurer selbst erkennen, an uns arbeiten und ein Bild des Freimaurers als Habitus im praktischen Leben erzeugen. Wie geht der ideale Freimaurer mit den Herausforderungen des Alltags um? Wie nahe komme ich mit meinen Problemen und Zwängen diesem Ideal? Nur durch Austausch und Vergleich können wir diese Fragen beantworten und dieses Ziel erreichen. Damit erzeugen wir ein gemeinsames „Wir“ – ein Wir-Subjekt der Freimaurer in uns.

Der Wir-Raum der Freimaurer ist in der Selbstbeschreibung sehr breit gehalten – jeder soll mitmachen können. Dieses Wir wird zusammengehalten durch Symbole, Allegorien, Rituale und grundlegende Werte. Der Freimaurer wird sich also in seinen Antworten in einer Konferenzloge auf diesen gemeinsamen Wir-Raum beziehen, wenn seine Mitteilungen und Beiträge als gültige Position eines Freimaurers gesehen werden sollen. Er muss zeigen können (d.h. es muss anderen verständlich sein), wie das Gesagte in den freimaurerischen Kontext passt und durch ihn getragen werden kann.

Wortbeiträge können sich also an diesem Ziel ausrichten: Man nimmt den Bruder in den Blick und will Positionen formulieren, denen er zustimmen kann, wenn es um die Anwendung der Ideale geht. Zu diesem Bild passen natürlich auch Fragen – sie sind oft die wertvollsten Beiträge überhaupt.

Die notwendige Offenheit

Für echte Beratung ist Offenheit und Authentizität notwendig, und auch die Bereitschaft sich beeindrucken zu lassen, anders zu werden2. Wer nicht mit dieser Haltung in die Konferenzloge geht, ist schlussendlich am falschen Ort. Eine Konferenzloge wird nur reicher durch die vorgebrachten Sichtweisen und ihre Bedeutung für den Freimaurer und seine Probleme, durch den Austausch und das gegenseitige „Beeindrucken“.

Durch die Offenheit, vom Gesagten bewegt zu werden, gebe ich meinen Brüdern eine Mitsprache darüber, wo ich in meiner Freimaurerschaft stehe. Das braucht Vertrauen in die Maurerei und die Brüder, aber auch das Herunterschlucken von Stolz und Dickköpfigkeit. Indem ich an einer Konferenzloge aktiv teilnehme, überprüfe ich am Gehörten meine eigenen Positionen und sogar deren Bezug zu meinen anderen persönlichen Verpflichtungen – als Familienvater, als Bürger, als Kollege. Meine eigenen Überzeugungen werden neu durchdacht, hinterfragt, vielleicht verfeinert oder sogar verändert.

Das bedeutet, dass die Teilnahme an der Konferenzloge in dieser Haltung als Schritt auf dem Weg der Selbsterkenntnis und Selbstverbesserung gesehen werden kann. Oder wie es in einem alten freimaurerischen Ritual heißt: „Wer auf diesem Weg wandelt, wandelt sich selbst“.

Der Raum der Gründe

Wenn andere etwas sagen, muss ich das Gesagte als Beitrag zu einem „Raum der Gründe“ verstehen. Was bedeutet das? Was wir in einer Konferenzloge austauschen, können wir als „Gründe“ bezeichnen – Überlegungen darüber, warum ein Freimaurer in einer bestimmten Situation so oder so handeln würde. „Ich denke, ein Freimaurer sollte in diesem Fall nachsichtig sein, weil…“ oder „Meiner Ansicht nach verlangt die Brüderlichkeit hier entschiedenes Handeln, denn…“ oder auch „Ich würde in so einem Fall gern tolerant sein, aber….“ – das sind Gründe, die andere für sich nachvollziehen, prüfen und erweitern können.

Aber Gründe müssen nicht zwingend als fertige Überlegungen formuliert sein. Auch emotionale Äußerungen und Wünsche können zu nachvollziehbaren Gründen werden – wenn es den Brüdern möglich ist, sie vor dem Hintergrund der gemeinsamen Freimaurerei und ihrer Ideale zu verstehen. Ein Bruder, der sagt „Mich ärgert diese Ungerechtigkeit“, kann damit einen wertvollen Grund liefern, wenn andere verstehen können, wie dieses Gefühl mit freimaurerischen Werten wie Gerechtigkeit oder Humanität zusammenhängt.

Wir bewegen uns als Wir in dem, was Wittgenstein eine „Lebensform“ nennt – einem gemeinsamen Zusammenhang von Sprache, Erfahrungen und Werten3. Diese gemeinsame Lebensform ermöglicht es uns, auch emotionale oder bruchstückhafte Äußerungen als sinnvolle Beiträge zu verstehen. Ein Bruder muss also nicht rhetorisch gebildet sein, um sich zu beteiligen – ein zögernd vorgebrachtes „Ich weiß nicht recht, aber mir kommt das irgendwie…“ oder ein spontanes „Das erinnert mich an…“ kann genauso wertvoll sein wie eine eloquente Rede, solange es authentisch ist. Denn nur durch Authentizität stellt der Bruder sich selbst, seine ganze Person mit all ihren Facetten – das, was man mit Laden die „demokratische Einheit des Selbst“ nennen kann – der gemeinsamen Beratung zur Verfügung.

Ein Grund ist also etwas, womit ich andere zum Mitdenken einladen kann – etwas, das Brüder in unserem gemeinsamen Kontext verstehen, prüfen und gegebenenfalls übernehmen können, auch wenn sie zunächst anderer Meinung waren oder wenn es zunächst unvollständig klingt. Die individuell und gleichzeitig gemeinsam vorgebrachten Gründe versammeln sich in einem gemeinsamen Raum der Gründe.

Autorität für und über mich

Aus meiner Positionierung in diesem Raum der Gründe und meiner Identifikation mit dem Wir zieht das in der Konferenzloge Gesagte seine provisorische Autorität über und für mich. Ich muss ja nicht dort sein – aber indem ich mich dorthin begebe, möchte ich etwas bewirken. Ich will diese Gründe prüfen, abwägen, mit meinen eigenen Überlegungen vergleichen. Dafür darf ich sie nicht als Gerede oder alsGeräusch (gar als Lärm der Welt) verstehen, aber auch nicht als Befehl oder ultimative Autorität, ganz egal wer sie äußert.

Die Autorität einer Aussage bemisst sich daran, wie gut die vorgebrachten Gründe unserem gemeinsamen Ziel dienen. Sowohl naives Abtun als auch blindes Folgen der Seniorität eines Bruders würde diese Gründe für mich stumm machen. Im ersten Fall erlaube ich den Gründen keine Wirkung und bringe dem Bruder nicht den nötigen Respekt entgegen, im zweiten Fall lege ich die Autorität in die Person statt in ihre Überlegungen. In beiden Fällen ignoriere ich die Gründe und halte mich nicht offen für eine ehrliche Prüfung.

Praktische Konsequenzen

Fassen wir zusammen: Die Konferenzloge ist in dieser Sichtweise also eine Beratung von willigen Freimaurern, die als Wir-Gruppe zur Erreichung ihres gemeinsamen Ziels einen geistigen Raum der Gründe betreten, um dort auf Augenhöhe Gründe zur Verfügung stellen, um an sich zu arbeiten und im eigenen Leben der bestmöglichen Umsetzung der freimaurerischen Ideale näherzukommen.

Was bedeutet das alles nun aber konkret für unser Verhalten in der Konferenzloge?

Für die Wortbeiträge: Sie sollten eine Öffnung des Gesprächsraums bewirken, eine Einladung sein, das Gesagte mitzudenken. Sie sind nicht dafür da, ein Ende des Gesprächs herbeizuführen, sondern dafür, es weiterlaufen zu lassen. Meine Meinung teile ich mit, um zu bereichern und den Raum der Gründe zu entwickeln, nicht um sie durchzusetzen.

Für das Zuhören: Ich höre nicht nur die Worte, sondern suche nach dem Bezug zur Freimaurerei und meiner freimaurerischen Praxis. Ich frage mich: Wie kann das Gesagte mein Verständnis der Freimaurerei als Haltung bereichern? Selbst wenn ich anderer Meinung bin, gibt es etwas, was ich mitnehmen kann?

Für den Redner: Besondere Zurückhaltung ist geboten. Seine exponierte Position könnte dazu führen, dass seine Ergänzungen als autoritär und klärend wahrgenommen werden. Er sollte besonders darauf achten, dass seine Beiträge das Gespräch öffnen, nicht schließen.

Für alle Brüder: Aktives Mitmachen ist gefordert. Wer schweigt, bleibt bei der gemeinsamen Beratung außen vor und hilft damit nicht dem Wir. Aber Vorsicht vor Beiträgen, die außerhalb des freimaurerischen Rahmens stehen – sie führen womöglich zu betretenem Schweigen, weil niemand sie aufgreifen kann.

Der ideale Bruder F.

Stellen wir uns nun noch einmal Bruder F. vor und nehmen wir an, er hätte eine andere innere Haltung mitgebracht. Um 21:47 Uhr sitzt er immer noch am Tisch, riecht das Kasseler – aber seine Aufmerksamkeit gilt dem Gespräch zum Thema „Menschenliebe und ihre Probleme im Leben“. Er hört nicht nur zu, er denkt mit, öffnet sich für die Gründe der anderen Brüder und macht seine eigenen Beweggründe verfügbar für die Beratung.

Zwar ist er sein witziges, gelöstes Selbst, aber seine allzu zotigen Witze spart er sich lieber für später auf – nicht aus Pflichtgefühl, sondern weil er erkannt hat, dass die Konferenzloge etwas anderes verlangt: die gemeinsame Suche nach einem besseren Verständnis der Freimaurerei im Alltag. Er ist bereit, seine Meinung zu ändern, wenn ihn die Gründe der Brüder überzeugen. Seine Wortmeldungen sind Einladungen zum Mitdenken, nicht Versuche der Selbstdarstellung.

Um 21:52 Uhr denkt F., der mit seinem Beitrag noch einmal eine intensive Wendung ins Gespräch gebracht hat, nicht ans Essen, sondern daran, was er von der Beratung und den Reaktionen für sein Leben als Freimaurer mitnehmen kann. Welche neuen Perspektiven haben sich eröffnet? Wo wurde er herausgefordert? Das anschließende gesellige Beisammensein wird dann zu einer Krönung – nicht als Flucht vor dem Geist, sondern als Feier des gemeinsam Erreichten zwischen Menschen, die sich ohne Maurerei nicht begegnet wären. Denn wie Anthony Laden schreibt: Die Beratung „kann eine Kraft sein, die tiefe Verbindungen zwischen Menschen schafft, die nicht auf Übereinstimmung in ihren Positionen oder dem Teilen umfassender Weltanschauungen beruhen.“ Sie kann „eine Kraft für gerechte Stabilität in einer vielfältigen und dynamischen Gesellschaft [sein].“ (Laden: S. 197, Übersetzung D.S.)

Genau das leistet eine gut geführte Konferenzloge: Sie schafft Verbindung in der Verschiedenheit, Gemeinschaft im Respekt vor dem Andersdenkenden, Wachstum durch ehrliche Auseinandersetzung. Und sie macht aus hungrigen, ungeduldigen Brüdern F. echte Freimaurer.

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Fußnoten