Zynismus – das klingt in unseren Ohren nach Bitterkeit, Spott, Menschenverachtung. Und doch frage ich heute: Macht Freimaurerei uns mit der Zeit zu Zynikern?

Die Definitionen, ob von Duden oder Heinrich Niehues-Pröbsting (* 1946, deutscher Philosoph und Philosophiehistoriker), zeichnen ein düsteres Bild: Zyniker gelten als gefühllos, spöttisch, moralisch entkernt. Wie passt das zur Idee eines freimaurerischen Menschenbilds, das auf Brüderlichkeit, Selbstvervollkommnung und Mitgefühl gründet?

Die Hundephilosophen

Die Wurzel des Begriffs liegt bei den Kynikern – einer antiken Philosophenschule, gegründet von Antisthenes, Schüler des Sokrates, und radikalisiert von Diogenes von Sinope, der in einem Weinfass hauste und dem Herrscher Alexander sagte, er solle ihm aus der Sonne gehen.

Die Kyniker lehrten Bedürfnislosigkeit, Natürlichkeit und Verachtung des materiellen Scheins. Sie lebten wie Hunde (griech. kyon), predigten Ethik, Verzicht und direkte Wahrheit – oft mit ätzender Schärfe.

Vom Sinn zum Spott?

In meinen Jahren als Freimaurer habe ich mich verändert. Manches, was früher wichtig erschien – Karriere, Konsum, Debatten um Banalitäten – rutscht auf der inneren Prioritätenliste nach unten.

Ich erkenne an mir eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber dem Profanen, ein inneres Schulterzucken, wo andere sich erhitzen. Ist das weise Distanz? Oder zynische Resignation? Habe ich mich abgewendet von der Welt, weil sie mir unverständlich geworden ist – oder weil ich sie nicht mehr ertragen kann?

Eine doppelschneidige Klinge

Freimaurerei kann den Blick schärfen für Transzendenz, Sinn und Geist. Aber mit dieser Erkenntnis droht auch ein Verlust der Anschlussfähigkeit. Ich habe Brüder erlebt, die durch das Licht der Erkenntnis fast weltabgewandt wurden.

Ein Bruder sagte einmal: „Die Freimaurerei hat mich zu einem besseren Menschen gemacht – aber nicht unbedingt zu einem besseren Arbeitnehmer.“ Das saß. Denn es verweist auf ein Dilemma: Sind wir noch Teil der Gesellschaft – oder schauen wir auf sie herab?

Die Tugend der Milde

Ich wünsche mir, dass wir der Versuchung widerstehen, wie Diogenes mit Spott auf die Welt zu reagieren. Duldsamkeit und Milde, zwei alte freimaurerische Tugenden, sollten unser Gegengift zum Zynismus sein.

Nicht Hochmut, sondern Demut vor dem, was andere nicht sehen oder (noch) nicht sehen können. Denn der freimaurerische Weg trennt uns nicht von der Welt – er verbindet uns tiefer mit ihr.

Sub rosa. In Brüderlichkeit.

Die gesamte Zeichnung zum Lesen und zum Hören auf:
https://www.freimaurerei.de/zynismus/


Zynismus – vom antiken Hund zur modernen Spitze

Der Begriff „Zynismus“ leitet sich vom altgriechischen kynikos ab – „hundsgleich“ –, benannt nach der Lebensweise der Kyniker wie Diogenes. Diese Philosophen predigten Bedürfnislosigkeit, Naturverbundenheit und die Ablehnung gesellschaftlicher Konventionen.

Im Laufe der Jahrhunderte wandelte sich die Bedeutung ins Negative: Aus der radikalen Kritik wurde beißender Spott. Der moderne Zyniker gilt als moralisch desillusionierter Beobachter – eine verzerrte Form des einstigen Ideals. Freimaurerisch gelesen ist Zynismus eine Warnung: Erkenntnis ohne Mitgefühl verkommt zur Arroganz.