Von Br. Peter Sünnenwold, Redner des AFuAMvD-Distrikts Schleswig-Holstein / Mecklenburg-Vorpommern
Dieser Vortrag wurde gehalten anlässlich der Windjammerloge 2025 im Orient Lübeck in der Johannis-Freimaurerloge „Zur Weltbruderkette“ Nr. 807
…auch zum Hören als Podcastfolge
Unser Frachtensegler „Passat“ ist ein lebendiges Denkmal seiner Epoche, ist ein Symbol für maritime Tradition und Abenteuer, die uns an die Weite des Meeres und die Freiheit der Seefahrt erinnert. Denn: Sobald Du an Bord eines Schiffes kommst, ist Deine Nationalität egal, Deine Hautfarbe, Deine Religion, alles. Dann bist Du Seemann (…oder Freimaurer).
Es ist mir daher eine besondere Freude vor so vielen Brüdern aus nah und fern, auf diesem wunderschönen und legendären Viermaster, „Passat“, zum Thema „Kurshalten für Demokratie und Freiheit“ zu zeichnen.
Ein Blick in unsere über 300 Jahre alte Freimaurerei zeigt, dass im brüderlichen Kreis über die politischen und weltanschaulichen Grundfragen nicht nur gesprochen, sondern sie auch in die Tat umgesetzt wurden. Es ist das Anschlagen eines Themas, das sich um die Fragen dreht: Wodurch konnte die Freimaurerei sich über die ganze Welt ausbreiten? Wodurch konnte sie 300 Jahre überdauern?
Aber, wodurch und wie wird sie weiterleben können?
Ein Thema, das uns alle betrifft. In den letzten Jahren haben wir einen besorgniserregenden Anstieg von Hass und Populismus erlebt, der die Grundlagen unserer demokratischen Gesellschaft gefährdet. Gerade inmitten dieser Herausforderungen bleibt die Demokratie ein unverzichtbares Gut, dass es zu verteidigen gilt.
Die Freimaurer haben sich schon seit ihrer Gründung für die Werte der Aufklärung eingesetzt, darunter Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Die Freimaurerei fördert die Idee, dass jeder Mensch das Potenzial hat, sich zu verbessern, um im positiven zur Gesellschaft beizutragen. Gerade in den derzeitig weltweit schwierigen Zeiten sind wir Brüder gefordert, mehr denn je.
Insbesondere die negativen Ereignisse machen es uns Brüdern zur Pflicht, die gesellschaftspolitischen Entwicklungen kritisch zu begleiten und, wenn wir Freiheit und Demokratie bedroht sehen, uns zu Wort zu melden. Denn es gibt enge Wechselbeziehungen zwischen der Freiheit, die Freimaurer in einem Land genießen und der Freiheit, die alle Bürger eines Landes beanspruchen können.
Die historische Erfahrung hat gezeigt, dass dort, wo es keine Freiheit für Freimaurer gibt, auch keine allgemeine bürgerliche Freiheit existiert. Uns erwarten also Herausforderungen und Verantwortung und wir alle wissen, wie schnell die Zeit vergeht. Und da stellt sich die Frage: Reicht der bekannte Spannungsbogen freimaurerischer Tradition kraftvoll in die Gegenwart hinein? Ist Freimaurerei auch heute noch Beitrag zur Lebenskultur? Was ist der Freimaurerbund in der Gesellschaft von heute? Wie gewinnen wir die jüngere Generation? Wie stärken wir Demokratie und Freiheit?
Die moderne Welt, in der wir leben, ist kleiner geworden, sie ist globalisiert und doch, sie droht erneut in Engstirnigkeit, Kleinstaaterei und nationalem Egoismus zu versinken. Müssen wir uns blind dem herrschenden Zeitgeist, den aktuellen Gegebenheiten und den damit einhergehenden Veränderungen unterwerfen? Müssen nicht gerade wir, liebe Brüder, dieser Stein, dieser unbehauene Stein sein?
Es ist schon merkwürdig: Die Errungenschaften nach dem Zweiten Weltkrieg, ein beständiger Friede in Europa, die Wiedervereinigung Deutschlands ohne Bürgerkrieg, der Aufbau Ost (wenn auch mit vielen Fehlern und Irrtümern), Deutschlands Rolle als wirtschaftliche Lokomotive in Europa und das Ansehen, das wir in der Welt erfahren – all das steht mit einem Mal auf dem Prüfstand, wird diskreditiert, und das in einer oft naiv-dümmlichen Form.
Hasskommentare im Internet, Beschimpfungen und Gewaltandrohungen sind Bestandteil der Auseinandersetzung geworden.
Wenn wir als Freimaurer uns der Tradition, der Aufklärung und der Toleranz und Menschenliebe verpflichtet fühlen, dürfen wir uns solchen irrationalen Ängsten und Vorurteilen gegenüber nicht tolerant zeigen. Wir müssen aufstehen gegenüber solchen Auffassungen, die den freimaurerischen Idealen zutiefst widersprechen.
Populistische Weltbilder, Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit sind keine Ausdrucksformen, die in einer Freimaurerloge Platz haben. Sie sind mit unserem Weltbild nicht kompatibel. Hier ist jeder Bruder gefordert. Wir dürfen nicht schweigen, sondern müssen darüber reden. Insbesondere dürfen wir es nicht dulden!
Eine Anpassung an den Zeitgeist ist nicht die Aufgabe der Freimaurerei, wohl aber die Spiegelung des Zeitgeistes an den grundlegenden Idealen unseres Bundes.
Der Viermaster „Passat“ symbolisiert die Freiheit, die wir in einer demokratischen Gesellschaft genießen. Wie ein Schiff, das die Wellen durchbricht, so können auch wir Brüder unsere Meinungen frei äußern. Wie das Meer unberechenbar sein kann, so sind auch die Herausforderungen für die Meinungsfreiheit vielfältig. Stürme der Zensur und Wellen der Intoleranz können unseren Kurs behindern. Die Verantwortung an Bord trägt der Kapitän.
Jeder von uns Brüdern ist im übertragenen Sinn Kapitän seines Schiffes, seiner eigenen Persönlichkeit. Wir müssen Verantwortung für unsere Worte und Taten übernehmen und sicherstellen, dass wir die Freiheit anderer respektieren.
Wir haben heute Entscheidungen zu treffen, die nicht nur die kurz- und mittelfristige Zukunft unserer Freimaurerei beeinflussen, sondern es werden auch Weichen für einen langfristigen Zeitraum in Deutschland und Europa gestellt. Die Situation ist kritisch geworden, und heute erwarten viele Signale wie es weitergehen soll.
Freimaurerisches Denken ist zutiefst integrativ, es polarisiert nicht, gibt aber Orientierung und lehrt vor allem die Ethik, die uns im Miteinander Lebenskraft gibt. Die Freimaurerei muss eine aktivere Rolle bei der Gestaltung unserer bürgerlichen Gesellschaft, bei der Gestaltung unseres Vaterlandes spielen, sie muss wieder zur geistigen Kraft für Gesellschaft und Kultur werden, die sie schon einmal war. Meinungen sind wie das Setzen der Segel – sie bestimmen die Richtung, in die wir steuern. In einer Demokratie ist es wichtig, verschiedene Meinungen zu hören und zu respektieren. Wie beim Segeln, wo unterschiedliche Winde uns voranbringen, so bereichern unterschiedliche Perspektiven unsere Gesellschaft.
In vielen Teilen der Welt sehen wir Freimaurer, wie die Meinungsfreiheit unter Druck gerät. Zensur und Repression sind wie gefährliche Strömungen, die uns vom Kurs abbringen. Wir Brüder sind wie die Besatzung eines Schiffes – nur gemeinsam, als Mannschaft, als Bruderschaft können wir sicher in die Zukunft navigieren. Unsere demokratische Staatsform ist bei allen Mängeln noch immer diejenige, die dies am ehesten vermag. Dieser Staat ermöglicht seinen Bürgern ein Leben in Frieden und Freiheit. Er schützt die Würde des einzelnen und gewährleistet wie kaum ein anderer die Grundvoraussetzungen für materiellen Wohlstand und soziale Sicherheit.
Aber die freiheitlich-demokratische Grundordnung wird momentan von vielen Seiten infrage gestellt. Im Inneren von extremistischen politischen Ideologen und von außen von Diktatoren und Terroristen, die Kriege anzetteln.
Demokraten, und insbesondere wir Brüder Freimaurer, haben hier eine Pflicht, uns zu äußern, zu diskutieren und sich in den Diskurs einzumischen. Wenn es um die Verteidigung von Demokratie, Freiheit, Rechtsstaat und Menschenwürde geht, müssen wir alle dafür einstehen. Unsere unveräußerlichen Werte wie: Freiheit, Gleichheit, Toleranz und Menschenliebe, gehören mutig öffentlich verteidigt. Machen wir uns die Mühe und ringen wir um die besten Ideen für unser Land, für Europa. Erliegen wir nicht der Versuchung, unbequeme Meinungen auszuschließen. Reden und Handeln wir aber mit Respekt und Anstand.
Eine wichtige Voraussetzung einer lebendigen Demokratie – oder man könnte auch sagen: ein Ausdruck des Verfassungspatriotismus – sind die praktische Verantwortungsübernahme der Bürgerinnen und Bürger in Staat und Gesellschaft. Hinzu kommt, dass wir heute mit dem Irrweg liebäugeln, der „gefühlten Wahrheit“ mehr Wert zuzusprechen als der nuda veritas der (nackten Wahrheit). Dabei müsste es eigentlich jeder begriffen haben: Die Wahrheit ist nicht teilbar!
Die erste freimaurerische Tugend ist Verantwortung. Verantwortung für sich selbst, für die unmittelbare Umgebung, aber auch Verantwortung für das eigene Land, die eigene Stadt, die eigene Gesellschaft. Das heißt, dass von uns Brüdern gefordert wird, dem Gemeinwohl nicht gleichgültig gegenüberzustehen. Denn der Staat lebt nicht von den Gesetzen, die er erlässt, sondern von der gemeinsamen Rechtsüberzeugung aller. Das Recht darf jedoch nicht als rettender, wenngleich abstrakter Ersatz für die schwindenden ethischen Grundlagen einer Gemeinschaft in Anspruch genommen werden.
Verantwortlich für dramatische Fehlentwicklungen auf vielen Feldern in unserer Gesellschaft, sind vor allem jene, die daran mitgewirkt oder es geduldet haben, dass hierzulande die Gesetze von einem Großteil ihrer moralischen Inhalte entleert wurden. Weil herkömmliche Moralbegriffe als überholt, als kleinbürgerlich, als repressiv und als lästiges Hindernis für das Ausleben individueller Neigungen und Wünsche galten. Aber, ohne Spielregeln, ohne Tradition, ohne einen bestimmenden Konsens über Verhaltensnormen kann kein Gemeinwesen, keine Demokratie bestehen.
Gerade wir Älteren unter uns wissen, wie fragil Demokratie, Freiheit und Recht in unserem Gemeinwesen sind, wenn diese Werte nicht ständig neu erinnert, begründet und verteidigt werden. Gustav Stresemann, Friedensnobelträger, Reichskanzler, Reichsaußenminister und überzeugter Freimaurer, sagte:
„Der Mensch soll in jedem Moment seines Denkens und Handelns von der Überzeugung sich tragen lassen, dass er eine Mission auf Erden zu erfüllen hat und dass ihm Kraft gegeben ist, zur Veredelung des Menschheit-Baus beizutragen.“ – Diese Worte von Bruder Stresemann münden ein in den höchsten Grundsatz freimaurerischen Denkens, Fühlens und Wollens: in Menschenliebe in Gesinnung und Tat und in brüderlicher Nächstenliebe.
Unser Tun, liebe Brüder, ist aber höchstens ein Reagieren auf Missstände in der Gesellschaft. Viel erstrebenswerter wäre es, könnten wir das Gesetz des Handelns in die Hand nehmen, freimaurerische Wertvorstellungen einfließen lassen in das Geflecht staatlicher Regeln. Vorrangig gestaltende Maurer, nicht nur reagierende Brüder muss das Ziel sein.
Meinungsfreiheit und Demokratie sind wie das Segeln auf diesem Oldtimer „Passat“, sie erfordern Mut, Verantwortung und Zusammenarbeit. Auch unsere Freimaurerei ist so ein großes, wunderschönes Schiff. Gebaut wurde es vor über 300 Jahren nach den damals vorliegenden Plänen und Erfahrungen.
Wir, die Freimaurer, haben alles, was die Welt braucht, in unserem Katechismus und in den Ritualen. Die Mannschaft unseres Schiffes ist bereit zur großen Fahrt. Die FM ist zwar von gestern, aber wir Brüder leben heute und sind bereit für die Zukunft. Bereit uns für Demokratie und Freiheit einzusetzen. Lasst uns also die Segel der Aufklärung setzen und sie gegen die Dummheit, die Trägheit und die Ignoranz hissen. Weisheit soll uns leiten und uns auf Kurs halten. Mit Stärke wollen wir unser Schiff führen, damit unsere Erde auch weiterhin in Schönheit erstrahlen kann.
So wie wir die Segel anpassen, um den Wind optimal zu nutzen, wollen wir auch unsere Chancen nutzen. Wir haben gute Steuerleute an Bord und sind eine eingespielte Bruderschaft. Gemeinsam, mit viel Engagement und Diskussionen in den Bauhütten, wird es uns gelingen, unser Freimaurer-Schiff durch Sturm und Wogen, um alle gefährlichen Klippen und mit ganzer Kraft in eine friedliche, freiheitliche und demokratische Zukunft zu steuern.
Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen.
Und so sind wir gefordert, jeder von uns, unsere Haltung, unsere Worte und Taten zu prüfen und gegebenenfalls neu zu justieren. Wie heißt es so schön im Ritual:
Geht hinaus in die Welt und bewährt Euch als Freimaurer. Packen wir es mit Mut und Tatkraft an.
Es geschehe also!