Von Br. B.R.

 

…auch zum Hören als Podcastfolge

Die Freimaurerei lehrt uns, am rauen Stein der eigenen Persönlichkeit zu arbeiten und durch die Kultivierung von Tugenden einen Beitrag zum Tempelbau der Humanität zu leisten. Doch wie übersetzt man diese tiefgreifenden Prinzipien in den oft herausfordernden und dynamischen Alltag einer Führungskraft? Mein Artikel beleuchtet die Verknüpfung von freimaurerischem Denken und Führen aus verschiedenen Perspektiven- aus meiner ganz persönlichen Sicht. 

Teil 1: Aus Sicht des Freimaurers

Was bewegt einen Freimaurer dazu, eine Führungsrolle einzunehmen? Für mich persönlich ist die Antwort klar und tief in den freimaurerischen Idealen verwurzelt: Je mehr Menschen ich als direktes Vorbild dienen und deren Leben positiv beeinflussen kann, desto wirksamer kann ich als Freimaurer sein. Jede einzelne positive Beeinflussung ist wie ein weiterer Stein, der in den großen Tempelbau der Humanität eingefügt wird.

Es geht darum, die gelernten Tugenden nicht nur in der Loge, sondern vor allem im „Gewühl des Alltags“ zu leben und sichtbar zu machen. Die Tugend der Bescheidenheit beispielsweise hat sich als wirksames Führungsinstrument erwiesen. Indem ich mich selbst nicht zu wichtig nehme, schaffe ich Raum für die Eigenwirksamkeit meiner Mitarbeitenden. Dies fördert ihre Entwicklung und passt perfekt zum modernen Verständnis von „Servant Leadership“, bei dem die Führungskraft den Erfolg des Teams durch Befähigen und Unterstützung ermöglicht.

Mein Wirken konzentriert sich dabei bewusst auf den lokalen Raum. Hier möchte ich mich für Bildung und Weiterentwicklung einsetzen – primär für die Mitarbeitenden, aber auch für das gesamte Umfeld. Die Freimaurerei lehrt uns, dies vor allem als Vorbild und ohne die Erwartung eines materiellen Lohns zu tun. Diese lokale, direkte Einflussnahme ist für mich der effektivste Weg, die Welt in meinem „erreichbaren Zirkel“ ein Stück besser zu machen.

Teil 2: Aus Sicht der Führungskraft

Die freimaurerische Reise prägt die eigene Persönlichkeit auf fundamentale Weise. Besonders die sehr intensiven Erfahrungen beim Ritual zur Erhebung in den Meistergrad haben mir die Wichtigkeit vor Augen geführt, meine Zeit auf Erden möglichst sinnstiftend und bereichernd zu nutzen. Diese tiefe „Erdung“ dient mir als stabiles Fundament, um auch in geschäftlichen Krisen und Herausforderungen ruhig, besonnen und fokussiert zu bleiben. Sie hilft mir, den Blick für das Wesentliche zu bewahren, wenn ringsum Hektik und Unsicherheit herrschen.

Neben der Tugend Bescheidenheit ist für mich das Zeichen des Maßstab eines der wichtigsten freimaurerische Symbole in meiner Rolle als Führungskraft. Wenn es mir nicht gelingt, meine Zeit weise einzuteilen und damit allen Aspekten des Lebens – Beruf, Familie, persönliche Entwicklung, freimaurerische Arbeit – ausreichend Raum zu geben, dann kann auch keine wirksame Arbeit an sich selbst oder am eigenen Werk gelingen. Der Maßstab erinnert mich unnachgiebig daran, ein ausgewogenes Leben zu führen, denn nur aus dieser Balance heraus kann ich meine Rolle als Führungskraft authentisch und kraftvoll ausfüllen.

Teil 3: Aus Sicht des Unternehmens

Die Integration freimaurerischer Werte in die Unternehmensführung führt zu einer Haltung, die über kurzfristige Gewinnmaximierung hinausgeht. Ein Verantwortungsträger mit ethischem Kompass handelt nach meiner Überzeugung nachhaltiger und fördert eine tiefere Loyalität – sowohl bei den Mitarbeitenden als auch bei Kunden. Kurzfristiges, egoistisches Verhalten verträgt sich nicht mit unseren Werten und erweist sich langfristig als kontraproduktiv.

Eine klare ethische Linie kann im Geschäftsleben zunächst auch ein klares „Nein“ bedeuten – zum Beispiel, wenn Rahmenbedingungen für eine Zusammenarbeit nicht akzeptabel sind. Nach meiner langjährigen Erfahrung haben gerade diese auf Prinzipien basierenden „Neins“ im weiteren Verlauf dazu geführt, dass man auf Augenhöhe und deutlich ehrlicher ins Geschäft gekommen ist. Hierfür sind natürlich eine große Portion Geduld und eine unerschütterliche Zuversicht notwendig, aber der langfristige Ertrag in Form von Vertrauen und einer soliden Basis für die Zusammenarbeit ist unbezahlbar.

Tatsächlich lassen sich viele Kernkonzepte moderner Unternehmensführung, insbesondere aus dem agilen Umfeld, als zeitlose freimaurerische Prinzipien wiedererkennen:

  • Kontinuierliche Verbesserung (KVP): Die unaufhörliche Arbeit am rauen Stein des Individuums und der Organisation ist nichts anderes als ein fortwährender KVP an Prozessen und Strukturen.
  • Servant Leadership: Demut und Bescheidenheit sind die tiefen Grundlagen dieser dienenden Führung, die den Mitarbeitenden Raum zur Entfaltung gibt.
  • Vision und Purpose: Der Tempelbau der Humanität ist die ultimative Vision der Freimaurerei, die dem Wirken jedes Maurers einen übergeordneten Sinn (Purpose) gibt. In modernen Organisationen ist ein klar definierter Unternehmenszweck und eine inspirierende Vision entscheidend für Engagement und Erfolg.
  • Work-Life-Balance: Der Maßstab als Symbol für die weise Einteilung der Zeit erinnert Führungskräfte daran, für ein gesundes Gleichgewicht im Leben zu sorgen und dies auch für ihre Teams zu ermöglichen.
  • Fairness und Transparenz: Das Winkelmaß, das für Geradlinigkeit und Gerechtigkeit steht, spiegelt sich in einer Führung wider, die auf Fairness und Transparenz im Umgang mit allen Stakeholdern setzt – eine essenzielle Basis für Vertrauen und eine offene Unternehmenskultur.

Die Freimaurerei bietet somit einen ethischen Kompass, dessen zeitlose Prinzipien sich als überraschend modern und wirkungsvoll für die Gestaltung einer menschlichen, nachhaltigen und erfolgreichen Unternehmensführung erweisen.

Ein Appell an alle Verantwortungsträger

An alle Führungskräfte, an alle Verantwortungsträger, die sich dem Wohle ihrer Organisation und ihrer Mitmenschen verpflichtet fühlen: Seid mutig in der Weiterentwicklung eurer Organisationen! „Zeigt im Gewühl des Alltags, jene Tugenden, zu denen ihr euch in der Loge bekannt habt“. Lasst uns gemeinsam durch unser Handeln einen sichtbaren Unterschied machen und so den Tempel der Humanität Tag für Tag ein Stück weiterbauen.