Zur freimaurerischen Selbsterkenntnis in Zeiten formaler Erstarrung
Von Br. (Prof. Dr.) Heinz-Uwe Hobohm
…auch zum Hören als Podcastfolge

Dies ist die Vollversion des gleichnamigen Artikels aus der Ausgabe 02/2025
des Online-Magazins humanitaet.online.
Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) gilt als bedeutender Dichter der Aufklärung. 1771 wurde er in die Freimaurerloge „Zu den drei Rosen“ in Hamburg aufgenommen und vom Gründer der Loge namens Rosenberg ohne Beamte sofort zum Gesellen und Meister promoviert – er war damals schon ein sehr bekannter Mann -, was laut Freimaurergesetz nicht statthaft war.
Lessing hatte eine gespaltene Einstellung zur Freimaurerei. Laut Wikipedia war Lessing „persönlich nicht von der Logenarbeit der Freimaurer, sondern nur von den eigentlichen Grundsätzen der Idee der Freimaurer überzeugt“. In seinem Werk „Ernst und Falk, Gespräche für Freimaurer“, das er im Zeitraum 1774-1778 immer wieder überarbeitete, setzt er sich mit diesem Spannungsfeld auseinander. In der Bibliothek des Herzogs Karl I. von Braunschweig konnte Lessing auf vielfältige Literatur zur Freimaurerei zurückgreifen. „Ernst und Falk“ erschien erstmals 1780 mit allen fünf Teilgesprächen.
Er preist in „Ernst und Falk“ die ursprünglichen Ideale der Logen, nämlich Abgrenzungen und Schranken, die sich im Staatswesen aufbauen, niederzureißen und ohne Vorurteile bezüglich Glaube und Status miteinander zu reden und das spirituelle Erbe weiterzuentwickeln. Umgekehrt kritisiert er deren damalige Bigotterie, wenn beispielsweise Nicht-Christen (z.B. Juden) und Nicht-Vornehme (Handwerker, Dienstboten) eher abgelehnt werden.
Der Mittelpunkt seiner Kritik betrifft jedoch den spirituellen Kern der Freimaurerei, der zwar proklamiert, aber nicht gelebt werde. Ich habe ähnliche Gedanken in der Humanität 6/22 unter dem Titel „Das ‚Erkenne Dich selbst‘ ist in der Freimaurerei nicht mehr als ein Appell“ dargelegt. Aus diesem Aufsatz zitiere ich einen Absatz: „Es steht für mich außer Frage, dass die Freimaurerei ursprünglich einen spirituellen Ansatz hatte. Ansonsten gäbe es die Bastionen Rauer Stein und Selbsterkenntnis nicht. Aber der Ansatz scheint mir verloren und war es wohl schon vor 250 Jahren, wenn Lessing … beklagt, Freimaurer würde man nicht durch die bloße Aufnahme, sondern durch Erkenntnis.“
In der Fortsetzung des Aufsatzes von 2022 möchte ich hier Lessings Schrift ein wenig näher beleuchten.
Die dabei zugrundeliegende Hypothese ist, dass das Ziel der Selbsterkenntnis – Heraklits und Buddhas „Erkenne dich selbst“ – ein mentaler Zustand ist, der Normalsterblichen in der Regel nicht oder nur in Form kurzer Erlebnismomente zugänglich ist. In der Mystikforschung wird er als ‚unio mystica‘ bezeichnet. Er wird beschrieben als Ausstrom jedweden Egoismus‘ und Einstrom von Liebe, als dauerhafte beglückende Einheit mit sich selbst und der Welt (siehe Eckhart Tolle oder J.Bolte Taylor). Wer einmal davon einen Vorgeschmack erfahren durfte, vergisst ihn nicht, und viele begeben sich dann ernsthaft auf die Suche nach sich selbst. Es ist zu vermuten, dass auch Lessing einen solchen Erkenntnismoment hatte. Er sagt in einem Schreiben an Herzog Ferdinand: „Auch ich war an der Quelle und schöpfte“. In den Kognitionswissenschaften wird dieser intuitive, transformierte Zustand der großen Mystiker und Heiligen bislang nur zögerlich behandelt (siehe z.B. https://www.qeios.com/read/ECXP1A.2), er wird allerdings in Meditationsschulen breit diskutiert. Es ist dieser Zustand, den Lessing als ‚Erkenntnis‘ bezeichnet – es handelt sich nicht um eine Welterkenntnis sondern eine Selbsterkenntnis – und dem im Logenalltag zuwenig Aufmerksamkeit geschenkt würde.
Lessing sagt, Freimaurer würde man nicht durch die bloße Aufnahme, sondern durch Erkenntnis (Einschübe in eckigen Klammern von mir):
Falk: Ich glaube ein Freimäurer zu sein; nicht sowohl [=deshalb], weil ich von älteren Maurern in einer gesetzlichen Loge aufgenommen worden: sondern weil ich einsehe und erkenne, was und warum die Freimäurerei ist, wann und wo sie gewesen, wie und wodurch sie gefördert oder behindert [!] wird.
Ernst hakt nach, warum Falk nur glaube, ein Freimaurer zu sein, sich also offenbar nicht sicher sei.
Ernst: Und drückst Dich gleichwohl so zweifelhaft aus? – Ich glaube einer zu sein!
Falk antwortet sinngemäß, weil der Begriff von anderen, die weniger vom Geist der Freimaurerei verstanden hätten, besetzt sei:
Falk: Dieses Ausdrucks bin ich nun so gewohnt. Nicht zwar, als ob ich Mangel an eigener Überzeugung hätte: sondern weil ich nicht gern mich jemandem gerade in den Weg stellen mag [ein Besserwisser sein mag].
Ernst versteht immer noch nicht ganz und nimmt an, wenn man aufgenommen wurde, würde man doch in das freimaurerische Wissen eingeweiht und wüsste deshalb genau, was Freimaurerei bedeutet und was nicht.
Ernst: Du bist aufgenommen, du weißt alles —
Falk sagt nun deutlicher, was er meint.
Falk: Andere sind auch aufgenommen, und glauben zu wissen.
Ernst: Könntest du denn aufgenommen sein, ohne zu wissen, was du weißt?
Falk: Leider !
Ernst: Wieso ?
Falk: Weil viele, welche aufnehmen, es [den spirituellen Kern] selbst nicht wissen; die wenigen aber, die es wissen, es nicht sagen können [die letzte spirituelle Wahrheit, der Zustand nach der endgültigen Selbsterkenntnis, die unio mystica, ist nach Aussage aller Mystiker nicht mehr durch Worte vermittelbar, sie transzendiert das Wort]
Leider, meint Falk hier, könne man aufgenommen werden ohne Überprüfung einer spirituellen Neigung oder Einsicht, die nach Lessing den wahren Kern der Freimaurerei bildet.
Ernst nimmt offenbar an, Freimaurer hätten einen speziellen Wissensschatz, der außerhalb der Freimaurerei nicht bekannt ist. Er möchte das genau wissen:
Ernst: Und könntest du denn wissen, was du weißt, ohne aufgenommen zu sein ?
Falk: Warum nicht ? – Die Freimäurerei ist nichts Willkürliches, nichts Entbehrliches: sondern Notwendiges, das in dem Wesen des Menschen und der bürgerlichen Gesellschaft gegründet ist. Folglich muss man auch durch eigenes Nachdenken ebensowohl darauf verfallen können, als man durch Anleitung darauf geführt wird.
Das spirituelle Wissen, welches Falk für sich reklamiert, ist nicht auf die Freimaurerei begrenzt, sondern im Gegenteil „im Wesen des Menschen“. Es kann durch „Nachdenken“ erworben werden, ohne dass man dazu Freimaurer sein muss. Es wäre hinzuzufügen, dass außer dem Denken natürlich weitere Werkzeuge des spirituellen Erkenntnisweges in den spirituellen Traditionen bekannt sind, wie zum Beispiel Meditation, Entsagung, Selbstbeobachtung, Fürsorge usw.
Mit den nächsten zwei Fragen überprüft Ernst Falk‘s Aussagen zur Willkür und zur Entbehrlichkeit.
Ernst: Die Freimäurerei wäre nichts Willkürliches ? – Hat sie nicht Worte und Zeichen und Gebräuche, welche alle anders sein könnten, und folglich willkürlich sind ?
Falk: Das hat sie. Aber diese Worte und diese Zeichen und diese Gebräuche sind nicht die Freimäurerei.
Mit anderen Worten, die Freimaurerei enthält sowohl willkürliche – verzichtbare – Bestandteile als auch essentielle. Welche Bestandteile der Freimaurerei Lessing als willkürlich oder verzichtbar ansieht, darüber kann man nur spekulieren. Jedenfalls scheint er dem Ritual und den Symbolen keine große Bedeutung beigemessen zu haben. Der Kern jedoch ist nicht willkürlich, er ist sogar unentbehrlich. Worum handelt es sich bei diesem Kern? Es ist das „Nichtentbehrliche“.
Ernst: Die Freimäurerei wäre nichts Entbehrliches? – Wie machten es denn die Menschen, als die Freimäurerei noch nicht war?
Nun wird deutlich, dass Lessing in der ewigen mystischen Wahrheit des Zieles des „Erkenne Dich Selbst“ den Kern der Freimaurerei sieht und dass diese Erkenntnis nicht durch Worte mitgeteilt werden kann. Es kommt ein schöner, kraftvoller Satz:
Falk: Die Freimäurerei war [im Kern] immer.
Ernst: Nun was ist sie denn, diese notwendige, diese unentbehrliche Freimäurerei?
Falk: Wie ich dir schon zu verstehen gegeben – Etwas, das selbst die, die es wissen, nicht sagen können.
Ernst ist ganz moderner Verstandesmensch. Etwas, was man weiß, muss man auch mit Worten ausdrücken können. Eine Annahme, die auch heute jeder hegt, der sich nicht mit Mystik beschäftigt hat. Er gibt diesem Zweifel Ausdruck.
Ernst: [Etwas zu wissen und es nicht sagen zu können ist] Also ein Unding.
Falk: Übereile dich nicht.
Ernst: Wovon ich einen Begriff habe, das kann ich auch mit Worten ausdrücken.
Falk: Nicht immer: und oft wenigstens nicht so, daß andere durch die Worte vollkommen ebendenselben Begriff bekommen, den ich dabei habe.
Ernst entgegnet, dass ja auch eine – wenn auch nicht perfekte, so doch ganz gute – Beschreibung mit Worten dem Zuhörer ausreichend Verständnis bringen könne.
Ernst: Wenn nicht vollkommen ebendenselben, doch einen etwanigen [ungefähren][Begriff].
Falk: Der etwanige Begriff wäre hier unnütz oder gefährlich […]
Falk besteht also darauf, wenn es um die spirituelle Erkenntnis geht, könne man nicht die gleichen Maßstäbe anlegen wie bei der Beschreibung dinglicher Objekte. Besser, als das Unsagbare zu umschreiben, ist es, zu schweigen. Im Taoteking (600 v.Chr.) heißt es dazu:
[Das Tao, das mit Namen genannt wird, ist nicht das ewige Tao. Der Name, der sich aussprechen läßt, ist nicht der ewige Name.]
Ernst fragt nun, wenn das ursprüngliche Wesen der Freimaurerei nicht mit Worten beschrieben werden kann, wie die Freimaurer dann überhaupt wirken können.
Ernst: Sonderbar ! – Da also selbst die Freimäurer, welche das Geheimnis ihres Ordens wissen, es nicht wörtlich mitteilen können, wie breiten sie denn gleichwohl ihren Orden aus ?
Falk: Durch Taten. – Sie lassen gute Männer und Jünglinge, die sie ihres nähern Umgangs würdigen, ihre Taten vermuten, erraten – sehen, soweit sie zu sehen sind; diese finden Geschmack daran, und tun ähnliche Taten.
Das ist nun etwas dunkel – warum kann man die Taten nur schwer sehen, muss sie vermuten, erraten ? Ernst gerät zunächst auf die falsche Spur.
Ernst: Ja, nun merke ich, worauf du zielst. […] Was tun sie [die Freimaurer] nicht für das gesamte Publikum eines jeden Staates, dessen Glieder sie sind !
Falk: Zum Exempel ? – Damit ich doch höre, ob du auf der rechten Spur bist.
Ernst gibt nun eine Reihe von Beispielen für das, was er als freimaurerische Taten versteht. Die Stockholmer Loge hat ein großes Findelhaus (Waisenhaus) errichtet, die Dresdner Loge hat Arbeitspätze für arme Mädchen geschaffen, die Braunschweiger Loge fördert arme Knaben im Zeichnen, usw.
Falk konzediert mit dem nächsten Satz, das all das ganz nett ist, aber nicht wesentlich.
Falk: […] Vielleicht, dass alle diese guten Taten, die du mir da genannt hast, um mich eines scholastischen Ausdrucks, der Kürze wegen, zu bedienen, nur ihre Taten ad extra [Beiwerk] sind.
Ernst: Wie meinst du das?
Falk: Nur ihre Taten, die dem Volke in die Augen fallen: – nur Taten, die sie bloß deswegen tun, damit sie dem Volke in die Augen fallen sollen.
Lessing spricht damit eine Unterscheidung von guten Taten an, die auch im Buddhismus als wesentlich angesehen wird, nämlich in solche, die das Ego „füttern“ – wenn ich Dir helfe, erwarte ich später Hilfe von Dir oder breite Anerkennung – und solche Taten, die das nicht tun. Im Idealfall tut man Gutes um des Guten willen und nicht um einen auch noch so kleinen Vorteil abzubekommen; im Idealfall hilft man anonym. Nur das ist spirituell rein. Insofern kann man wirklich gute Taten nur „vermuten, erraten – sehen, soweit sie zu sehen sind“, wie es oben heißt. Allerdings klärt Lessing uns nicht auf, wie denn „gute Männer und Jünglinge“ durch kaum sichtbares, vermutetes Handeln angesteckt werden sollen.
Umgekehrt – und das haben spirituelle Meister immer wieder betont – haben die wirklich guten Taten, anders als man es meinen könnte – vielleicht verzögert – weitreichende Wirkung in die Zeit. Er drückt das so aus:
Falk: [..] Nur soviel kann und darf ich dir sagen: die wahren Taten der [reifen] Freimäurer sind so groß, so weit aussehend, dass ganze Jahrhunderte vergehen können, ehe man sagen kann: das haben sie getan! Gleichwohl haben sie alles Gute getan, was noch in der Welt ist – merke wohl: in der Welt! – Und fahren fort, an alle dem Guten zu arbeiten, was noch in der Welt werden wird, – und merke wohl, in der Welt.
Das ist Ernst zu dick aufgetragen.
Ernst: O geh! Du hast mich zum besten.
Aber Falk möchte nichts mehr hinzufügen.
Falk: Wahrlich nicht. – Aber sieh ! Dort fliegt ein Schmetterling […]!
Bei der Frage, wie man zur Erkenntnis gelangt, lässt Lessing uns aber allein. Glücklicherweise gibt es dazu viel Material. Ich verweise als Einstieg auf Eckhart Tolle, Ramana Maharshi, Sri Aurobindo.
Dennoch glaubt Lessing an eine elitäre Aufgabe der Freimaurerei, wenn er im zweiten Gespräch sagt: „Wie, wenn es die Freimaurer wären, die sich mit zu ihrem Geschäfte gemacht hätten, jene Trennungen, wodurch die Menschen einander so fremd werden, so eng als möglich wieder zusammenzuziehen?“
Der Aufgabe der Selbsterkenntnis kommen wir sicher nicht ausreichend nach. Der Aufgabe, die Menschen ‚zusammenzuziehen‘, könnten wir einigermaßen gerecht werden.
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…..und immer wieder, wenn man gefragt wird, was macht ihr Freimaurer, fehlt einem dass Wort.