Von Br. (Dr.) Alexander Trettin, Distriktsmeister Niedersachsen / Sachsen-Anhalt

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Der Begriff Emotion wird erst seit dem neunzehnten Jahrhundert verwendet und hat andere Begriffe wie Empfindungen, Gefühle und Leidenschaften in den Hintergrund verdrängt. Er umfasst in seiner Komplexität Wahrnehmung, Bewertung, physiologische Veränderungen, Ausdruck, verbale und nonverbale Kommunikation, gefühlten Sinn, Motivation und subjektive Gefühlszustände. Emotionen sind keine passiven inneren Störungen, die durch die Macht der Vernunft behoben werden müssen, sondern „aktive verkörperte Kräfte, die im Mittelpunkt des Beziehungslebens stehen – der Beziehung des Menschen zu sich selbst und zu anderen. […] Unsere emotionale Haltung gegenüber der Welt prägt unsere Identität, unser Handeln, das Erleben und Denken und wird ihrerseits von diesen geprägt“ (Riis & Woodhead, 2011, S. 30; eigene Übersetzung).
Erstaunlicherweise gibt es nur wenige Artikel, die sich mit emotionalen Strukturen und deren Wirkungen auf die Gesellschaft auseinandersetzen. Diese beziehen sich dann zum einen auf Überlegungen antiker Philosophen (vgl. Aristoteles; siehe Sullivan, 1995) bzw. auf neuzeitliche Philosophien (siehe Merleau-Ponty, 1968; Damasio, 2004) und zum anderen auf Anthropologen (Bateson, 1973), Ethnologen (Geertz, 1973), Soziologen (Durkheim, 1912; Simmel, 1997; Weber, 1988), Psychologen (James, 1902/1981) und auch auf Religionswissenschaftlern (Otto, 1917). Dabei wird jedoch meist auf reduktionistische Sichtweisen rekurriert, wie z.B. auf „den soziologischen Reduktionismus, der Emotionen auf soziale Kräfte und kollektive Empfindungen reduziert; auf den psychologischen Reduktionismus, der nur an individuellen psychischen Zuständen interessiert ist; und an den kulturellen oder symbolischen Reduktionismus, der Emotionen auf kulturelle Skripte und symbolische Systeme reduziert“ (Riis & Woodhead, 2011, S. 12; eigene Übersetzung).
Die Theorie des emotionalen Regimes integriert alle diese Ansätze und führt sogar über diese hinaus. Hierbei werden Emotionen beschrieben als eine Reihe von koordinierten psycho-physischen Elementen, die in den Wechselwirkungen zwischen „Selbst und Gesellschaft, Selbst und Symbol sowie Symbol und Gesellschaft“ erzeugt werden (ebd., S. 7). Diese Wechselwirkungen werden als dialektische Beziehungen gesehen, die interaktiv sind, sich beeinflussen und sich oft gegenseitig bedingen (vgl. ebd., S. 9). Bei dieser Betrachtungsweise „werden Emotionen nicht nur durch zwischenmenschliche Beziehungen geprägt, sondern auch durch unsere sich ständig verändernden Beziehungen zu kulturellen Symbolen und materiellen Umgebungen“ (ebd., S. 7; eigene Übersetzung). Aufgrund von „Gruppenprozessen, gesellschaftlichen Strukturen und kulturellen Symbolen erlangen Emotionen auch einen intersubjektiven und überindividuellen Status und können auf einer Reihe von sozialen Ebenen analysiert werden. Sie sind nicht nur innere, private Zustände des Individuums, sondern entstehen in der Interaktion zwischen Selbst, Gesellschaft und Objekten. Es gibt eine ständige Rückkoppelung zwischen den drei Elementen, die zu einer gegenseitigen Anpassung führt“ (ebd., S. 47; eigene Übersetzung).
Genauso wie die soziale Ordnung, hat das emotionale Regime eine innere Kohärenz und Gebundenheit. Regime bleiben über eine gewisse Zeit hinweg bestehen und reichen über die Individuen hinaus. Sie bestimmen den Inhalt (also das, was gefühlt wird), die Art sowie den Ausdruck des individuellen Gefühls und damit die Formen sozialer Beziehungen und Handlungsmöglichkeiten, die dem Einzelnen offenstehen (ebd.). „Auf diese Weise spielen sie eine wichtige Rolle bei der Gestaltung und Reproduktion von Machtstrukturen“ (ebd.; eigene Übersetzung). Emotionale Strukturen sind also nicht rein persönlich, sondern intersubjektiv, supra-persönlich und historisch vorhanden (vgl. ebd., S. 53).
Emotionale Regime werden durch Erziehung, Bildung und soziale Praktiken vermittelt. Sie sind in Institutionen eingebettet (z. B. in Schule und Kirche) und werden dort aktiv reproduziert. So lernen Kinder früh, welche Emotionen sie wann zeigen dürfen (z. B. „Ein Junge weint nicht“). Emotionale Regime beinhalten auch Regeln und Praktiken, wie Emotionen ausgedrückt, kontrolliert oder unterdrückt werden sollen. Mittels einer normativen Ordnung wird dementsprechend festgelegt, welche Emotionen in einem bestimmten Kontext erlaubt und erwünscht sind und welche nicht. In einem autoritären Regime ist z.B. die Wut gegen (eben diesen) Autoritäten unerwünscht, während Loyalität aktiv gefördert wird. Es geht also nicht nur darum, wie Menschen sich fühlen sollten, sondern auch, wie sie sich zu verhalten haben. In der heutigen Leistungsgesellschaft wird z.B. ziemlich oft erwartet, dass jemand motiviert, positiv und resilient ist – auch wenn er aufgrund von Erschöpfung eigentlich nicht arbeiten kann.
Durch die Etablierung eines gemeinsamen emotionalen Regimes können Gruppen – im positiven Sinne – ihre Identität stärken und sich von anderen abgrenzen. Emotionale Regime können aber auch (negativ) von politischen Akteuren genutzt werden, um politische Herrschaft zu legitimieren, soziale Kontrolle und Macht auszuüben oder um bestimmte Ziele zu erreichen, indem sie Emotionen wie Angst oder Wut instrumentalisieren.
Emotionale Regime sind nicht statisch, sondern können sich im Laufe der Zeit verändern, sowohl innerhalb einer Gruppe als auch im Vergleich zu anderen Gruppen. Die individuelle Erfahrung mit einem emotionalen Regime kann ebenso variieren, da nicht jeder Mensch gleich stark von den vorherrschenden Emotionen und Normen beeinflusst wird. Menschen können sich emotionalen Regimen auch widersetzen – z. B. durch ironische Distanz, Verweigerung oder mittels alternativer Emotionspraktiken. Bei all dem scheint es wichtig, sich mit dem vorherrschenden emotionalen Regime kritisch auseinanderzusetzen und zu hinterfragen, ob es wirklich förderlich für die eigene positive Entwicklung ist.
Freimaurerei ist ebenfalls ein komplexes emotionales Regime, da sie über Rituale, Symbole und soziale Normen bestimmte emotionale Haltungen kultiviert und reguliert. Die emotionalen Regime innerhalb der Freimaurerei sind nicht willkürlich, sondern eng mit ihrer ethischen und spirituellen Ausrichtung verbunden.
Im positiven Sinne werden Vertrauen, Respekt, Solidarität, Empathie und emotionale Nähe unter den Mitgliedern gefördert, wohingegen Misstrauen oder Feindseligkeit als inakzeptabel gelten. Freimaurer sollen sich durch Selbstdisziplin und Maßhalten auszeichnen. Es geht dabei um Gelassenheit, innere Ruhe und Selbstkontrolle. Heftige Gefühlsausbrüche (Wut, Zorn, Hysterie) gelten jedoch als unangemessen.
In Ritualen ist eine feierliche, würdige Stimmung gewünscht – Emotionen sollen tief empfunden, aber kontrolliert ausgedrückt werden. Bei den rituellen Handlungen wird eine innere Anteilnahme erwartet, kein kühler Rationalismus. Es geht um eine Ergriffenheit durch das Ritual, die Ehrfurcht, Staunen, Demut und symbolisches Erleben erst ermöglicht.
Emotionale Erfahrungen, die innerhalb der Loge gemacht werden, sollen jedoch nicht offen nach außen kommuniziert werden. Diskretion und Neutralität sind angezeigt. Dies dient dem Schutz des Gemeinschaftsgefühls und der rituellen Integrität. Offen gezeigte Begeisterung oder Kritik an der Freimaurerei gegenüber Außenstehenden wird in jedem Fall als unangemessen betrachtet.
Die freimaurerische Gesprächskultur setzt eine innere Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit im Dialog voraus. Es wird erwartet, dass sich Freimaurer untereinander emotional ehrlich zeigen, dabei aber möglichst nicht selbstbezogen oder dramatisch auftreten. Das Ideal ist eine ernsthafte emotionale Arbeit an sich selbst, eingebettet in einem ethischen Rahmen. In der Loge sind alle gleich. Arroganz, Stolz oder soziale Überheblichkeit sind emotional unerwünscht. Respekt und Demut gegenüber allen – unabhängig von gesellschaftlichem Rang ist wünschenswert. Emotionen, die Hierarchie oder Konkurrenz betonen, sind innerhalb der Loge deplatziert.
Emotionale Regime haben zwar eine ordnende und gemeinschaftsstiftende Funktion, sie können jedoch auch problematische, einschränkende oder gar repressiv wirkende Seiten haben. Wenn wir nun die negativen Aspekte emotionaler Regime innerhalb der Freimaurerei näher beleuchten, kommen verschiedene Baustellen zum Vorschein.
Auch wenn wir uns das nicht gerne eingestehen, basiert Freimaurerei auf einer Hierarchie von Graden und einem klar strukturierten System, in dem emotionale Beziehungen auch durch Machtstrukturen vermittelt werden. Emotionale Regime stützen bestehende Machtverhältnisse, indem sie bestimmte Gefühle stärken (z. B. Gehorsam, Schuld, Stolz) und andere schwächen (z. B. Wut, Widerstand). Emotionen werden so strategisch erzeugt oder manipuliert. Das erschwert die kritische Reflexion und den Widerstand gegen diese Machtstrukturen und führt zum Verlust emotionaler Mündigkeit.
Wie bereits dargestellt, gibt es im Bund eine klare Norm für angemessene Emotionen: Gemeinschaftlichkeit, Respekt, Disziplin und Würde sind die obersten Werte. Emotionen wie Wut, Zorn oder persönliche Konflikte müssen daher „hinter verschlossenen Türen“ gehalten bzw. „unter dem (Arbeits-)Teppich gekehrt“ werden. Der dadurch entstehende Druck führt schließlich zu inneren Konflikten, psychischen Belastungen und ggf. zu einer emotionalen Selbstentfremdung.
In der maskulinen Freimaurerei wird z.B. sehr viel Wert gelegt auf Selbstdisziplin und Selbstbeherrschung. Die Brüder machen Bekanntschaft mit der Rolle des „kontrollierten“ und „ausgeglichenen“ Mannes. Diese wird unbewusst internalisiert, sodass einige danach Schwierigkeiten haben, ihre echten, spontanen Gefühle zuzulassen. Das führt zu weiteren psychischen Spannungen, da sie ihre eigenen emotionalen Bedürfnisse als „schwach“ oder „unerwünscht“ wahrnehmen. Schuldgefühle, Selbstabwertung, Unfähigkeit zur Empathie (mit sich selbst) sind die Folge.
Wer sich nicht an die emotionalen Normen hält – beispielsweise, wer unangemessene Gefühle zeigt oder emotional zu „instabil“ erscheint – kann schnell als „unreif“ und „unmännlich“ wahrgenommen werden. Emotionen, die als „weiblich“ oder „weich“ gelten (wie Empathie und Sensibilität) wird nur wenig Raum im Ausdruck zugestanden. Dies führt zu einer Verengung des emotionalen Spektrums, da diese emotionalen Ausdrucksformen innerhalb einer streng maskulinen Norm kodifiziert werden. Emotionale Offenheit zu queeren oder feministischen Fragen kann als Widerstand gegen hegemoniale Männlichkeitsnormen verstanden werden. Wer die emotionalen Erwartungen nicht erfüllt, gilt als „anders“, als „unangepasst“ oder gar als „unzuverlässig“. Diejenigen, die emotional nicht in das vorgesehene Schema passen, werden dann (nicht selten) diskriminiert, stigmatisiert, isoliert, marginalisiert und ausgegrenzt. Dies kann bei den Betroffenen zu einer Selbstwahrnehmung als „emotional defizitär“ führen.
Dann beginnt die affektive Selbstzensur („Ich darf das nicht fühlen!“). Die Brüder zwingen sich, emotionale Konformität zu wahren, statt ehrlich und kritisch ihre eigenen Gefühle zu reflektieren. Diese innere Zensur und die Unfähigkeit authentische Zweifel oder Ängste äußern zu können, führt zum Verlust von emotionaler Authentizität. Daraus entstehen veränderte emotionale Regime mit eindimensionalen Gefühlslandschaften. Es stellt sich ein Gefühl der Oberflächlichkeit ein. Es sind dann nur noch bestimmte positiv konnotierte Emotionen wie z.B. Dankbarkeit, Demut oder Freude erlaubt, was wiederum zu einer Verzerrung der emotionalen Realität führt.
In vielen Logen gibt es zudem einen starken Gruppenzwang zur emotionalen Übereinstimmung (z.B. in Form der „Harmonie-Kultur“). Der emotionale Ausdruck wird dann nicht mehr als individuell, sondern als Teil eines Kollektivs verstanden. Auch dies führt zu einer Verflachung der emotionalen Ausdrucksmöglichkeiten. Oberflächliche Harmonie und unterdrückte Konflikte führen letztlich immer zu einer kollektiven Unehrlichkeit.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Freimaurerei durchaus eine Atmosphäre schafft, die eine gewisse emotionale Sicherheit bietet. Sind die emotionalen Regime jedoch negativ ausgerichtet, droht der Verlust von emotionaler Vielfalt und individuellen Freiheiten. Die dargestellten negativen Aspekte machen deutlich, wie gesellschaftliche Normen schädlich wirken können, wenn sie zu sehr auf Konformität und Kontrolle setzen. Deshalb sollten wir als Freimaurer immer genau überlegen, ob wir lediglich den „Status Quo“ wahren wollen oder ob wir eine Veränderung des Systems (bzw. des emotionalen Regimes) erwägen sollten.
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Literatur
Aristoteles (1932). Nicomachean Ethics. Cambridge, MA: Loeb Classical Library.
Bateson, Gregory (1973). Steps to an Ecology of Mind: Collected Essays in Anthropology, Psychiatry, Evolution and Epistemology. St Albans: Paladin.
Damasio, Antonio (2004). Looking for Spinoza. New edn. London: Vintage.
Durkheim, E. (1912/2001). The Elementary Forms of Religious Life. Oxford: Oxford University Press.
Geertz, Clifford (1973). The Interpretation o{Cultures. New York: Basic Books.
James, William (1902/1981). The Varieties of Religious Experience: A Study in Human Nature. Glasgow: Collins, Fontana.
Merleau-Ponty, Maurice (1968). The Visible and the Invisible. Evanston, 11: Northwestern University Press.
Otto, Rudolf (1917/1923). The Idea of the Holy, trans. John W. Harvey. London: Humphrey Milford and Oxford University Press.
Riis, O., Woodhead, L. (2011). A Sociology of Religious Emotion. Oxford: Oxford University Press.
Simmel, Georg (1997). Essays a Religion, (ed.) and trans. Horst Jürgen Helle. New Haven, CT, and London: Yale University Press.
Sullivan, Shirley D.(1995). Psychological and Ethical Ideas: What the Early Creeks Say. Leiden and New York: E. J.Brill.
Weber, Max (1988). Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie. Tübingen: Mohr.
(Dr.) Alexander Trettin forscht und lehrt als Religionspsychologe an der Universität Bern. Er ist Distriktsmeister des Distriktes Niedersachsen/Sachsen-Anhalt der Großloge AFuAMvD, Sprecher der Distriktsmeister, Senatsmitglied der VGLvD und 2. Vorsitzender der Forschungsgesellschaft/-loge Quatuor Coronati.