Von Br. Enno Bösche, Distriktsmeister Hessen / Thüringen

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Betrachtet man das musivische Pflaster, so sieht man in gleichverteilter Anordnung schwarze und weiße quadratische Fliesen. Sie deuten auf die Polaritäten im Leben hin: Tag und Nacht, gut und böse, richtig und falsch, yin und yang. Ihr streng geometrisches Muster auf dem Arbeitsteppich liegt im Vorhof des Tempels, von dem aus wir unsere Reise antreten, an den Säulen vorbei, die Stufen hinauf und, jenseits des 24zölligen Maßstabs, in einen transzendenten Bereich, hin zu den Gestirnen des Himmels. Je weiter wir uns vom Vorhof entfernen, desto weniger klar sind die einzelnen Felder zu erkennen. Je nach Blickwinkel ändern sich die quadratischen Formen und ab einer gewissen Entfernung erkennen wir nur noch unscharf und sehen eine graue Fläche. Es wird unmöglich, zu erkennen, ob wir gerade auf ein schwarzes oder ein weißes Feld blicken, alles verschwimmt, wird uneindeutig.
Bei einer Betrachtung der Welt um uns ergeht es uns nicht anders. Wir können Dinge aus großer Ferne unscharf, verschwommen betrachten, oder aber in einzelne Felder hineinzoomen, um winzige Ausschnitte zwar klar, aber isoliert von der näheren und ferneren Umgebung, von ihrem Kontext zu betrachten. Eventuell finden wir isoliert zwei Felder, die in sich klar und schlüssig sind, jedoch gegenseitig in vollkommenem Widerspruch stehen. Wir erfahren Uneindeutigkeit, Ambiguität.
Wie können wir mit diesen Widersprüchen, mit dieser Ambiguität umgehen? Hiermit sind wir beim Thema meiner heutigen Zeichnung, der Ambiguitätstoleranz. Ambiguitätstoleranz ist zunächst einmal ein sperriger Begriff, deswegen möchte ich mit einer Definition beginnen.
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Ambiguitätstoleranz (v. lat. Ambiguitas „Mehrdeutigkeit“, „Doppelsinn“ und tolerare „erdulden“, „ertragen“), teilweise auch als Unsicherheits- oder Ungewissheitstoleranz bezeichnet, ist die Fähigkeit, mehrdeutige Situationen und widersprüchliche Handlungsweisen zu ertragen. Ambiguitätstolerante Personen sind in der Lage, Ambiguitäten, also Widersprüchlichkeiten, kulturell bedingte Unterschiede oder mehrdeutige Informationen, die schwer verständlich oder sogar inakzeptabel erscheinen, wahrzunehmen, ohne darauf aggressiv zu reagieren oder diese einseitig negativ oder – häufig bei kulturell bedingten Unterschieden – vorbehaltlos positiv zu bewerten.[1]
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Als ich begann, mich mit dem Begriff zu beschäftigten hatte ich zunächst einmal die Frage, ob Ambiguitätstoleranz nicht in krassem Widerspruch zu unserer rationalen Tradition der Aufklärung steht, die bei der Ergründung von Phänomenen nach Klarheit und Wahrheit sucht. Hans-Georg Soeffner verneint diesin seinem Artikel „Ambiguitätstoleranz – auf der Suche nach einer verschollenen Kompetenz“. Unsere Geistestradition bietet: „[…] eine vernunftgeleitete Maxime‹ (Kant), an der sich jeder Einzelne nicht nur in den Wissenschaften, sondern generell im Umgang mit den Erscheinungen der Natur und der sozialen Welt orientieren soll. Eine zentrale Forderung dieser Maxime besteht darin, dass man grundsätzlich, vor allem aber dann, wenn man mit Ungewissheit und Widersprüchlichkeit – sei sie intellektueller, politischer, religiöser oder ideologischer Art – konfrontiert wird, analytisch verfahren soll d. h., jenseits eines Freund-Feind-Schemas, stattdessen auf der Basis wechselseitiger Anerkennung der streitenden Parteien und der Fähigkeit, die Perspektive des Gegenübers einzunehmen.“[2] – hier wird also die Rationalität im Bezug auf die Vorgehensweise hervorgehoben, und nichts über das daraus resultierende Urteil gesagt.
Selbst in den Naturwissenschaften zeigt sich immer wieder Widersprüchliches, Uneindeutiges: nehmen wir die Quantenphysik: „Elementarteilchen und Atome können sich beispielsweise gleichzeitig in verschiedene Richtungen bewegen oder sich zugleich nach rechts und nach links drehen.“[3] Der australische Physiker Andrew White drückt es drastisch aus: „zu testen, ob es überhaupt eine objektive Realität gibt, wäre wirklich spannend“.
Je tiefer wir uns in die Welt und ihre Zusammensetzung einarbeiten, desto widersprüchlicher und uneindeutiger wird es, ebenso je weiter wir uns in die Weiten des Makrokosmos‘ bewegen. Und wir reden hier von rational geprägten Naturwissenschaften, die sich den eindeutigen Regeln der Mathematik bedienen.
Wenden wir den Blick auf die menschliche Gesellschaft und ihr Zusammenleben wird das Bild nicht einfacher. Unterschiedliche Kulturen, Glaubensrichtungen und Lebensentwürfe prallen aufeinander.Und diese Kulturen bringen unterschiedlichste Normen und Narrative mit sich. Zusätzlich zersplittern einstmals relativ homogene kulturelle Milieus in Klein- und Kleinstgruppen, wie in einem Essay von Ralf Langejürgen beschrieben: „Jede Gruppe erklärt ihre spezifischen Merkmale und Eigenschaften als eigene, singuläre Identität und bringt sich wechselweise als “diskriminierte Minderheit” oder als “Anspruchsgruppe” gegenüber einer imaginären gesellschaftlichen Majorität in Stellung. Endziel dabei scheint nicht die Integration oder gar die Assimilation, sondern der Rückzug auf eine geschützte Insel des Singulären.[4]“
Um in dieser Vielzahl von Gruppierungen wahrgenommen zu werden, setzen Akteure auf populistische Mittel, so Soeffner: „moralisches und/oder politisches Unternehmertum [gegenüber], personifiziert in den Sprecherinnen und Sprechern der ›Bewegungen‹“. Die ›gesellschaftliche Moral‹ besteht im Wesentlichen aus einander bekämpfenden Gruppenmoralen, die sich neben den und gegen die Rechts- und Verfahrensordnungen der repräsentativen Demokratie etablieren. Auf diesem moralischen Schlachtfeld kann es keine Sieger und keine geordnete Urteilsfindung geben, denn ›die Gerichtshöfe der Moral kennen noch nicht einmal eine Prozessordnung‹.“
Diese Tendenzen sind Ausdruck einer ausgeprägten Ambiguitätsintoleranz, also eines Nicht-Akzeptieren-Wollens der Uneindeutigkeit, wie sie die Schöpferin des Begriffes, die Psychoanalytikerin Else Frenkel-Brunswik, beschreibt: eine „Tendenz, auf Schwarz-Weiß-Lösungen zurückzugreifen, vorschnelle Schlussfolgerungen in Bezug auf Bewertungsaspekte zu ziehen, oft unter Vernachlässigung der Realität, und nach unqualifizierter und eindeutiger allgemeiner Akzeptanz oder Ablehnung anderer Menschen zu streben“.
Eine eindeutige, klare, aber falsche Ansicht wird einem sich einer möglichen Wahrheit nähernden, komplexen und uneindeutigen Bild vorgezogen. Und nicht nur das: diese Pseudowahrheit wird aggressiv verteidigt.
Dies ist beileibe kein neues Phänomen, Fanatismus und Dogmatismus wurde von geistlichen und weltlichen Führern seit je her benutzt, um Ansprüche durchzusetzen, ausgeführt von willigen Anhängern, die sich aus blindem Gehorsam, teilweise aber auch aus Opportunismus diesen Ideen hingaben.
Trotz den Errungenschaften der Aufklärung mit ihrer Aufforderung zum kritischen Denken ist der Wunsch nach Eindeutigkeit und Klarheit nicht verschwunden. Vor allem in Zeiten der Unsicherheit ist der Drang groß, auf der richtigen Seite zu stehen. Nehmen wir die Covid19-Pandemie als Beispiel, bei der unterschiedliche Maßnahmen basierend auf lückenhaften Daten erlassen und durchgesetzt werden mussten. Dies führte in weiten Teilen der Gesellschaft zu zwei gegensätzlichen Reaktionen: zum einen zu einer Überangepasstheit, teilweise gepaart mit Aggression gegen kleinste Regelverstöße, auf der anderen Seite zu radikaler Ablehnung und Leugnung der Bedrohung. Es scheint, als wäre es einfacher, sich auf einen Standpunkt festzulegen, anstatt die Ungewissheit zu akzeptieren, ebenso die Unvereinbarkeit von Zielen (hier Sicherheit versus Freiheit), innerhalb derer Schranken iterativ nach Lösungen gesucht wurde. Die Tatsache, dass im Laufe der Entwicklung der Pandemie ständig neue Erkenntnisse über die Wirksamkeit beziehungsweise Unwirksamkeit einzelner Maßnahmen gewonnen wurden, die sich in sich teilweise auch widersprachen, schien uns größtenteils zu überfordern, und es war die Tendenz zu beobachten, dass stets die Daten herangezogen wurden, die die eigene Überzeugung widerspiegelte.
Auch zeigte sich mitunter, wie dünn die Schicht der aufgeklärten Zivilisation ist, derer wir uns doch so sicher fühlten, mit dem versuchten Sturm des Reichstages im August 2020 als traurigem Höhepunkt, bei dem nicht nur symbolisch, sondern handfest an den Grundfesten unserer aufgeklärten, demokratischen Grundordnung gerüttelt wurde.
Es scheint, als hätte die Schärfe der Debatten seitdem nicht abgenommen. Vor allem die ätzende und teilweise gewaltbereite Kritik an den Regierungsverantwortlichen hat sich verstärkt. Es scheint immer schwieriger zu werden, zu akzeptieren, dass es in einer pluralistischen Gesellschaft von rund 80 Millionen Widersprüche geben muss, und dass ein Zusammenleben in dieser Gesellschaft von ständigen Kompromissen und Toleranz geprägt sein muss. Eine freie, pluralistische Zivilisation setzt voraus, dass wir mit Widersprüchen leben können, diese aushalten müssen, dass wir Fremdem und Ungewohntem weder blind bejahend noch blind ablehnend gegenüberstehen, dass wir zum einen für andere Sichtweisen Verständnis aufbringen, andererseits aber auch akzeptieren müssen, dass wir diese eventuell nie vollkommen verstehen werden.
Die Theologin Helga Kohler Spiegel schreibt:
Es ist anspruchsvoll und bedarf der Beschäftigung mit sich selbst, mit der eigenen Persönlichkeit, dem eigenen Selbstwert und Selbststand, um uneindeutigen, unsicheren, widersprüchlichen Situationen oder ebensolchen Sichtweisen mit „Aushalten“ und „Standhalten“, mit „innerer Toleranz“ und „Gelassenheit“ begegnen zu können. Es ist anspruchsvoll, z.B. bei einem Partner, einer Partnerin, bei Eltern oder bei Führungspersonen und Kolleg:innen im beruflichen Alltag verschiedene Eigenschaften gleichzeitig wahrnehmen und aushalten zu können, bei Ungewohntem und Fremdem gleichzeitig Positives und Negatives, Anregendes und Belastendes und Widersprüchliches sehen zu können. Szenen tauchen bei mir auf, die die Bedeutung dieser Fähigkeit deutlich machen. Ich denke in Paarbeziehungen an die Herausforderung, sich aufeinander einzulassen und einander zu vertrauen, Nähe und Intimität zu leben und zugleich auf Momente von Fremdheit nicht mit Ärger oder Enttäuschung oder Rückzug, sondern mit liebevollem Interesse zu reagieren.[5]
Sich auf andere einzulassen, unterschiedliche Meinungen zu erfahren und darauf mit liebevollem Interesse anstatt mit Ablehnung zu reagieren ist nach meinem Verständnis ein Kernaspekt der Freimaurerei, und eine Herausforderung, der wir uns stellen sollten, und zwar auf mehreren Ebenen.
Durch unsere Arbeit mit Symbolen haben wir die Chance, immer wieder aufs Neue mit Uneindeutigkeit in Kontakt zu kommen und darüber zu reflektieren. In unseren Diskussionen nach Zeichnungen haben wir die Gelegenheit, durch gemeinsame Assoziation ein vielschichtiges, buntes Bild entstehen zu lassen, dessen Facetten uns Bilder zeigen, die mitunter komplett gegensätzlich und widersprüchlich sein können. Mit unserer Arbeit im Ritual versuchen wir uns in der eingerichteten Loge, im Tempel, der sich über Zeit und Raum hinaus erstreckt, weit über das musivische Pflaster hinaus zu erheben und erleben im Idealfall einen Zustand, in dem sich Widersprüche auflösen oder vereinen. Als Analogie sei hier die Beschäftigung mit Kunst genannt, deren Rolle Leonard Bernstein so beschreibt, und die durch die Musik unsere Arbeit im Tempel zusätzlich bereichert:
„Ein Kunstwerk beantwortet keine Fragen, es provoziert sie, und sein wesentlicher Sinn liegt in der Spannung zwischen den widersprüchlichen Antworten.“
Vielleicht hilft uns dies alles, unsere Ambiguitätstoleranz zu stärken und besser mit Widersprüchen umgehen zu können. Es mag sein, dass wir bei der Rückkehr in den Alltag auf dem musivischen Pflaster auch weiterhin nur die Felder in unserer unmittelbaren Umgebung klar schwarz und weiß sehen, doch haben wir mit etwas Glück eine Vorstellung, wie groß und weitläufig das Pflaster ist, auf dem über 8 Milliarden Menschen ihren Lebensweg täglich Stück für Stück zurücklegen, in all ihrer Vielfalt, und mit all ihren Widersprüchen.
Vielleicht sind wir uns ein Stück weit unserer eigenen Beschränktheit bewusster, die es uns versagt, das Große, Ganze jemals vollständig er- und begreifen zu können. Am Ende der Reise, wo auch immer sie uns hinführen mag, bleibt die Hoffnung, dass Widersprüche ihre Bedeutung verlieren und wir beim Übergang in den ewigen Osten mit uns im Reinen sind. Auch wenn es uns nicht gelungen sein wird, alle Widersprüche aufzulösen, so haben wir vielleicht mit etwas Glück die Gewissheit: wir haben uns bemüht!
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[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Ambiguit%C3%A4tstoleranz
[2] https://www.nomos-elibrary.de/10.5771/9783835385153/vergangenheitskonstruktionen?page=1
[3] https://www.spektrum.de/news/was-ist-wirklich-real/1365934
[4] https://www.ralf-langejuergen.de/die-fragmentierte-gesellschaft/
[5] https://www.feinschwarz.net/wie-auf-dem-balancebrett-ambiguitaetstoleranz/
Adam Smith escribió: «En el camino de la ciudad del escepticismo, tuve que pasar por el valle de la ambigüedad».
Las fronteras de esa ciudad parecen no tener límites: la duda, la necesidad de certezas y la desconfianza frente a lo que no se comprende son el pan cotidiano de sus habitantes. De ahí la importancia de que, a través de los símbolos, aprendamos a abrazar la ambigüedad con interés amoroso, conscientes de que los únicos límites de esa ciudad son los del aprendizaje mismo.
Ambiguitätstoleranz ist das Ziel jeder Mediation. Bescheidenheit scheint auch darüber hinaus angebracht: Wir wissen alle zu wenig um zu wissen, wie wenig wir wissen.
Friedvolles gesundes frisches Jahr
Thomas Stein, Dortmund.