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Was bedeutet es, ein „friedliebender Bürger“ zu sein? Und wo liegen die Grenzen brüderlicher Solidarität gegenüber einem staatlichen Gemeinwesen? In Teil 2 seiner Reihe über die Alten Pflichten hinterfragt Bruder Werner Brockgreitens den Widerspruch zwischen gesetzestreuer Haltung und dem brisanten Passus, rebellische Brüder nicht aus der Loge auszuschließen.
In einer siebenteiligen Vortragsreihe reflektiert Bruder Werner Brockgreitens die „Alten Pflichten“ – jenes grundlegende Dokument freimaurerischer Ethik von 1723. Mit kritischem Geist, brüderlichem Ernst und dem Blick auf heutige Herausforderungen fragt er: Sind die Forderungen von damals noch tragfähig? Und wenn nicht: Welche Schlüsse ziehen wir daraus für unser eigenes freimaurerisches Handeln?
Überblick über die sieben Teile der Reihe
- Von Gott und der Religion:
Was ist Religion? Gibt es eine spirituelle Basis, auf die sich alle Menschen einigen können? (bereits erschienen). - Von der obersten und den nachgeordneten staatlichen Behörden:
Wie steht es um Loyalität, Zivilcourage und die Grenzen brüderlicher Solidarität? - Von den Logen:
Verbindlichkeit und Gemeinschaft – Pflicht oder Ideal? - Von Meistern, Aufsehern, Gesellen und Lehrlingen:
Wer ist geeignet, ein Amt zu übernehmen? Zwischen Verdienst, Demut und Karrierewunsch. - Von der Leitung der Bruderschaft:
Der Bau am Tempel der Humanität – wer trägt Verantwortung, wer zieht Nutzen? - Vom Betragen:
Benimmregeln für Brüder – in der Loge, untereinander, in der Gesellschaft. - Zum Abschluss:
Ein Plädoyer für Selbstprüfung, Streitkultur und den Respekt vor dem Anderen.
Zwischen Staatsräson und Brudertreue
Der zweite Abschnitt der Alten Pflichten formuliert ein klares Ideal: „Der Maurer ist ein friedliebender Bürger des Staates […]. Er darf sich nie in einen Aufstand oder eine Verschwörung verwickeln lassen.“ Doch ein zweiter Satz wirft sogleich Fragen auf: Ein Rebell solle nicht aus der Loge ausgeschlossen werden – solange kein weiteres Verbrechen vorliegt.
Bruder Werner Brockgreitens liest darin einen Widerspruch: Wie lässt sich gesetzestreue Bürgerpflicht mit dem Verbleib eines Kriminellen in der Loge vereinbaren?
Besonders heikel wird es, wenn politische Rebellion nicht nur als Delikt, sondern als Gewissensentscheidung gesehen wird – oder gar als moralisch gebotene Opposition. Hier eröffnet sich eine Grauzone, die zur Gratwanderung für jeden Bruder werden kann.
Freimaurer zwischen Mitgefühl und Mitverantwortung
Bruder Werner Brockgreitens erweitert die Frage auf nichtpolitische Straftaten – etwa Steuerhinterziehung, Kindesmissbrauch oder Diebstahl. Wie steht es um unsere Haltung gegenüber Brüdern, die solche Taten begehen? Sind wir verpflichtet zu schweigen, gar zu schützen?
Er erinnert an das düstere Beispiel der katholischen Kirche und ihre lange Praxis der Verheimlichung. Die Freimaurerei dürfe sich nicht ähnlicher Verstrickung schuldig machen. Zugleich warnt er vor Denunziantentum und staatsloyaler Hörigkeit – auch diese Extremformen seien gefährlich.
Am Ende steht die unbequeme Erkenntnis: Es gibt keine einfache Antwort. Zwischen Schutz und Preisgabe, Brüderlichkeit und Verantwortung, Loyalität und Recht muss jede Loge – und jeder Bruder – einen eigenen Weg finden.
Hinweise zur vertiefenden Lektüre
Bruder Werner Brockgreitens bezieht sich in seinem Vortrag auf die „Alten Pflichten“ von 1723, die als Gründungsdokument der spekulativen Freimaurerei gelten. Ihre historische Bedeutung liegt in der Verbindung von Aufklärung, religiöser Toleranz und staatsbürgerlicher Loyalität – doch sie werfen auch heute noch Fragen nach der Auslegung auf.
Ein aufschlussreicher Begleittext ist der Wikipedia-Eintrag „Die Alten Pflichten“, der Entstehung, Wirkung und Rezeption des Dokuments darstellt. Ergänzend regt Bruder Werner Brockgreitens Text zur Reflexion über das Spannungsverhältnis von Ethik und Gesetz an – in der Freimaurerei ebenso wie im gesellschaftlichen Diskurs.
Aktuelle Bezüge lassen sich z. B. in Hans Küngs Projekt Weltethos finden, das versucht, universelle moralische Prinzipien über Religionsgrenzen hinweg zu formulieren – ein Ansatz, der im Kontext der Freimaurerei besonders fruchtbar erscheint.
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