Eine „Zeichnung“ …zum Lesen und zum Hören als Podcastfolge
Von Br. Uwe Schmidt
Wir stehen an einem Ort des Schreckens, einem Ort der Unmenschlichkeit, Terror und Demütigung.
Hier, auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Esterwegen und der späteren Emslandlager, wurden Menschen ihrer Freiheit beraubt, gequält, zum Hungern und Frieren bei härtester körperlicher Arbeit im Moor gezwungen. Das hier entstandene Lied der Moorsoldaten legt ergreifendes Zeugnis ab.
Viele wurden grausam misshandelt und ermordet – darunter u.a. der spätere Friedensnobelpreisträger und Bruder Carl von Ossietzky; er starb kurz nach seiner Haft an den Folgen der Misshandlungen.
Trotz der allgegenwärtigen Dunkelheit gab es auch Zeichen von Hoffnung und Solidarität. – Im November 1943 wurde von sieben inhaftierten belgischen Widerstandskämpfern und Freimaurern eine Loge gegründet: Paul Hanson, Luc Somerhausen, Jean De Schrijver, Jean Sugg, Henri Story, Amédée Miclotte und Franz Rochat.
Die Gründung fand in Baracke 6 des Emslandlagers VII (Esterwegen) statt, in der sogenannte „Nacht-und-Nebel“-Gefangene untergebracht waren.
Paul Hanson wurde zum Meister vom Stuhl gewählt. Später wurde der Belgier Fernand Erauw in einer einfachen, aber geheimen Zeremonie in die Loge aufgenommen. Die Logenmitglieder versammelten sich für ihre rituellen Arbeiten um einen Tisch, der normalerweise zum Patronensortieren diente. Während der Treffen standen katholische Priester Wache, um die Versammlungen zu schützen. Im Gegenzug bewachten die Freimaurer die Priester während heimlicher Messen. Von den acht Logenbrüdern überlebten nur zwei ihre Haftzeit.
Die Existenz dieser Loge steht als außergewöhnliches Beispiel für Solidarität, Menschlichkeit und geistigen Widerstand unter unmenschlichen Bedingungen. Das Buch über die Freimaurerloge in Esterwegen ist im Salierverlag erschienen und heißt „Liberté Chérie – In Nacht und Nebel“ und stammt von Franz Bridoux.
Unser französischer Bruder Christian Jacq hat diese Geschichte in seinem Roman „Der Mönch und der Meister“ verarbeitet.
Doch wie kam es, dass deutsche Freimaurer zwar schikaniert und aus Ämtern verdrängt wurden, aber selten allein wegen ihrer Zugehörigkeit zu unserem Bund inhaftiert wurden? Die Freimaurerei wurde in Deutschland nicht wie viele andere Organisationen sofort 1933 verboten, sondern erst 1935 zur Auflösung gezwungen.
Heute ist es einfach, die Vergangenheit zu erforschen – und noch einfacher, sie mit unseren heutigen Wertmaßstäben zu beurteilen. Doch der Versuch, sich in die damalige Zeit hineinzuversetzen, wirft die Frage auf: Wie hätte ich selbst gehandelt? Was hätte ich getan, als die völkische Bewegung von den Nationalsozialisten vereinnahmt wurde? Hierzu passt das berühmte Zitat von Pastor Martin Niemöller:
Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen;
ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen;
ich war ja kein Gewerkschafter.
Als sie die Juden holten, habe ich geschwiegen;
ich war ja kein Jude.
Als sie mich holten,
gab es keinen mehr, der protestieren konnte.
Zu den Grundsätzen der Freimaurerei zählen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und Nächstenliebe. Doch war diese Stimme damals zu hören?
Die deutsche Freimaurerei war in vielen Großlogen zersplittert, die vor und nach dem Ersten Weltkrieg von den preußischen Großlogen dominiert wurden. Diese Logen, in denen ein Großteil der deutschen Freimaurer organisiert war, hatten mit der Weimarer Republik keinen Frieden geschlossen. Sie verharrten in den Traditionen des Kaiserreichs, lehnten Kontakte zu ausländischen Großlogen – besonders zu Frankreich und England – ab und entwickelten schon im ausgehenden 19. Jahrhundert völkische Tendenzen, die auch in der Freimaurerei aufgenommen und gefördert wurden.
Die völkische Bewegung bestand aus vielen kleinen, zunächst nicht verbundenen Vereinigungen, die sich vor allem im protestantischen Bildungsbürgertum fanden. Bei Wahlen in der Weimarer Republik blieben ihre Erfolge aus, doch ihre Ideen fanden in der Öffentlichkeit und in den Medien viel Beachtung. Der Nationalsozialismus übernahm viele ihrer Inhalte, lehnte aber die Bewegung selbst ab und setzte sich schließlich mit eigenem Führungsanspruch durch.
Mit der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft änderte sich auch die Zusammensetzung der Logen. Im 18. und 19. Jahrhundert waren es vor allem geistige und gesellschaftliche Eliten – Adlige, Militärs, Beamte, Professoren, Kaufleute, Fabrikanten, Juristen, Mediziner, Geistliche und Künstler –, die sich in den Logen trafen. Die Logen waren Orte des sozialen Kompromisses, nicht der Opposition. Sie bildeten ein Kommunikationsnetz, das weit über die Grenzen der Kleinstaaterei hinausreichte.
Nach dem Ersten Weltkrieg stiegen die Mitgliederzahlen der Logen stark an. 1925, auf dem Höhepunkt der völkischen Ideen, erreichte die deutsche Freimaurerei mit über 82.000 Brüdern ihren Höchststand. Doch Anfeindungen, Altersstruktur und die Weltwirtschaftskrise führten zu einem Rückgang. 1932 waren es noch etwa 74.000 Brüder – immer noch eine beachtliche Zahl.
Die nationale Euphorie des Krieges wich nach 1918 keiner Besinnung, sondern verstärkte den Nationalismus. Der Versailler Vertrag wurde als „Schandfrieden“ und „Henkersplan“ empfunden. Die Freimaurerei suchte ihre Identität weiterhin überwiegend in Religion und Monarchie; die Republik brachte sie in eine tiefe Orientierungskrise. Man verstand sich als Kulturträger, lehnte aber die neue Ordnung ab.
Nach dem Austritt aus dem Großlogenbund 1922 war der Weg frei für eine nationale, völkisch und offen antisemitisch geprägte Freimaurerei. Es entstand eine Freimaurerei, die die „Rassereinheit“ zum Ideal erhob und sich als Ergänzung zum Nationalsozialismus verstand.
Wie der Historiker Manuel Pauli betont, war dies kein plötzlicher Rechtsruck, sondern die Fortsetzung einer Tradition, die in der Freimaurerei Akzeptanz fand und in völkischem Nationalismus mündete. Die Nähe zur radikalen Rechten wurde von Teilen der Freimaurerei aktiv gesucht.
Es gab wenig Ausnahmen. Eine war die Symbolische Großloge von Deutschland mit ihrem Großmeister Leo Müffelmann. Er schloss seine Großloge 1933 und brachte das Licht nach dem damaligen Palästina. Dort wollte er nicht bleiben, obgleich Brüder und Ärzte es ihn anrieten. Er kehrte nach Deutschland zurück, wurde verhaftet, von der Gestapo gequält und 1934 durch eine Intervention des amerikanischen Präsidenten freigelassen. Am 29. August 1934 starb er an den Folgen der im KZ erlittenen körperlichen Schäden.
Der Nationalsozialismus adaptierte viele völkische Ideen, beanspruchte aber die alleinige Führung. Die NSDAP war von Anfang an antimasonisch eingestellt, hielt sich aber nach 1929 mit öffentlichen Aussagen zurück. In den Logenzeitschriften wurde die Gegnerschaft der NSDAP thematisiert, doch die Begeisterung einiger Brüder für die neue Bewegung blieb ungebrochen. Selbst das Verbot der italienischen Logen durch Mussolini wurde teilweise begrüßt.
Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in den freimaurerischen Medien geschah oft aus der Perspektive, Gemeinsamkeiten zu suchen. Das Hauptproblem wurde darin gesehen, dass der Nationalsozialismus die Freimaurerei nicht als Partner akzeptierte. Dennoch verstummten nicht die Stimmen, die die Freimaurerei – in völkischer Ausprägung – als notwendige Ergänzung zum Nationalsozialismus sahen.
Diese Haltung war keineswegs vereinzelt.
Mit Ausnahme einiger weniger Großlogen teilten zum Schluss alle diese Einschätzung. Es ist tragisch, dass die altpreußischen Großmeister nach der Machtergreifung Hitlers eine Loyalitätsadresse sandten und treueste Gefolgschaft zusicherten. Manche freuten sich offen über den Aufstieg des Nationalsozialismus und sah darin einen Erfolg der altpreußischen Freimaurerei.
Der Widerstand deutscher Freimaurer gegen das NS-Regime blieb begrenzt. Die deutschen Freimaurer waren in dieser Hinsicht nicht besser und nicht schlechter als die Mehrheit der deutschen Bevölkerung. Sich das einzugestehen, fällt vielen Freimaurern bis heute schwer. Nach 1945 wurde die eigene Verantwortung lange verdrängt, die Anbiederung an die Nationalsozialisten nachträglich als Versuch dargestellt, die Freimaurerei zu retten.
Nach dem 2. Weltkrieg waren (verglichen mit dem Stand von 70.000 im Jahr 1932)
- 45.000 gestorben
- 8.000 durch Flucht und Vertreibung verloren
- 6.000 befanden sich in der Sowjetisch Besetzten Zone (der späteren DDR)
- 3.000 wollten keine erneute Mitgliedschaft
Erst in den letzten Jahren wurde die Geschichte der einzelnen Großlogen aufgearbeitet. Unsere Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland wurde 1949 als Zusammenschluss neun ehemaliger Großlogen (vor 1935) gegründet. Dadurch sind unsere Wurzeln als ein quasi Großlogenbund auch zum Teil in der alten Freimaurerei zu finden. Dem Urteil der Geschichte entziehen können wir uns nicht – und wir tun es auch nicht, wie unser Kongress 2024 zeigte.
Die Welt verändert sich und damit auch gesellschaftliche Strukturen. Nach den klassischen Medien entwickelten sich neue. Sie haben keine wirkliche Struktur und sind offen für Meinungsaustausch und Rattenfängerei. Anstelle der Information tritt die Meinung. Printmedien verlieren Abonnenten. Entwickelt sich eine Generation, die ihre Informationen und Orientierungen nur noch aus den neuen Medien bezieht? Hat sie sich schon etabliert? Wir müssen hierauf Antworten finden. Wir dürfen nicht aufgeben uns für demokratische Strukturen zu engagieren. Die parlamentarische Demokratie hat ihre Schwächen, aber sie ist immer noch die beste Staatsform die ich kenne.
Immer wieder werden wir gefragt, warum unsere Großloge zu politischen Fragen keine Stellung bezieht – obwohl es national wie international viele drängende Themen gibt. Der Kern der Freimaurerei ist jedoch nicht die Großloge, sondern es sind unsere Logen mit ihren Mitgliedern. Dort findet das eigentliche Leben statt. Unsere Brüder sind ausgeprägte Individualisten mit unterschiedlichen Auffassungen. Wir streiten nicht über Politik, sondern haben gelernt, andere Meinungen zu respektieren. Das gilt auch für Religionen. Wir sind keine Partei; Freimaurer wirken nicht über ihre Organisation in die Gesellschaft, sondern durch ihr persönliches Auftreten und Engagement. Nicht umsonst sagen wir am Ende eines Treffens: „Geht hinaus in die Welt und bewährt Euch als Freimaurer.“ Das ist unsere Stärke – vielleicht auch unsere Schwäche.
Möge uns dieser Ort stets Mahnung und Verpflichtung sein, für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und Menschlichkeit einzustehen – nicht nur in Worten, sondern in unserem täglichen Handeln. Bewähren wir uns als Freimaurer, als Menschen, im Geiste der Solidarität und Menschlichkeit. Nur so ehren wir die Opfer und erfüllen unsere Verantwortung gegenüber Vergangenheit und Zukunft.
Dieser Vortrag spiegelt die Zerissenheit der Freimaurerei in den Wirren der Kriege (I. und II. Weltkrieg) und zeigt, dass Freimauerei von dem Charakter, der Rechtschaffenheit, den Werten und der Nächstenliebe des einzelnen Bruders lebt. Es ist der erste, mir bekannte Vortrag, der die "Schuld" auch auf unsere Schultern legt - denn wir Freimaurer haben den Nationalsozialismus und das völkische Gedankengut mitgetragen. Es wird Zeit, dass wir uns damit auseinandersetzen. Erst recht dann, wenn durch rechtes Gedankengut wieder das Völkische hervorgehoben wird, Ängste geschürt werden und wieder versucht wird Menschen zu degradieren und auszugrenzen (siehe den unsäglichen Begriff "Remigration" einer politischen Partei). Wir müssen frühzeitig unsere Stimme erheben und gegen Ausgrenzung und rechtes Gedankengut eintreten - nicht nur als einzelner Bruder sondern auch als Gemeinschaft! Parlamentarische Demokratie ist auch für mich die einzige vertretbare Regierungsform - und sie zu verteidigen wird unser aller Kraft erfordern. Danke für diesen Vortrag - er ist sehr inspirierend.
Wow, dieser Vortrag ist richtig gut.
Ich finde es stark, wie ehrlich mit der eigenen Geschichte umgegangen wird und wünsche mir dass es in dieser Zeit, in der wir heute leben, Menschen Stellung beziehen, Werte vorleben, in einer Zeit in der Werte aufgegeben werden und die Menschen zunehmend orientierungslos werden.
Es braucht starke Persönlichkeiten die echte Spuren hinterlassen.
Danke für diese Gedanken, Zeilen, Eingeständnisse. Mutig. Erben, das ist heraus-fordernd, gerade wenn es schwierig wird. In der Schweiz steht eine solche Auseinandersetzung noch aus. Zu einfach scheint es, Abstand nehmen zu wollen im Sinne eines "wir waren nicht in den Krieg involviert"...
Lieber Br. Uwe,
was für eine Lektion. Es ist richtig und notwendig, die Dinge beim Namen zu nennen. Ziehen wir doch die richtigen Schlüsse aus den Entwicklungen vergangener Jahrzehnte und aus den Erkenntnissen von heute. "Unbeirrt vom Lärm der Welt geht der Maurer seinen Weg" - reflektiert und aufgeklärt. Und praktizieren wir doch Humanität im Sinne von Mitgefühl und Menschlichkeit. Das passt zu uns.
Ich bin hocherfreut und ergriffen, diese reflektierten, offen sowie selbstkritischen Worte zu lesen. Nicht aus einer Raison der Zeit wollen wir Wahres sprechen. Sondern aus dem Rückblick auf die persönlichen, gemeingutigen Schwächen und Fehler sollen wir die Stimme erheben. Nur so können wir bewusst die aktuellen populistisch-gefährlichen Strömungen als Herausforderung annehmen. Ein jeder sei sei seiner Kraft gedenkt, sie für eine humanistische Welt einzubringen.
Danke!