Von Rosenkreuzern, Sonnenrittern und Porzellan-Freimaurern
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Bayreuth. Manche Sammlungen erzählen nicht nur Geschichte – sie atmen sie. Als das Deutsche Freimaurermuseum im Frühjahr die Nachricht erhielt, eine private Kollektion freimaurerischer Kostbarkeiten begutachten zu dürfen, ahnte man bereits anhand weniger Fotografien, dass hier kein gewöhnlicher Nachlass wartete.
Was schließlich aus dem Besitz des verstorbenen Bruders Ulrich Wolfgang nach Bayreuth gelangte, erweist sich als ebenso kunsthistorisch reizvoll wie freimaurerisch bedeutsam: ein Kaleidoskop aus Ritualgeschichte, Geheimbundsymbolik, Porzellankunst und europäischer Geistesgeschichte.
Die Schenkung öffnet zugleich ein Fenster in jene schillernde Zwischenwelt des 18. und 19. Jahrhunderts, in der Aufklärung, Mystik, Hochgradwesen und politische Umbrüche auf eigentümliche Weise ineinandergriffen.
Leidenschaft für freimaurische Geschichte
Im März dieses Jahres erreichte das Deutsche Freimaurermuseum eine E-Mail, die rasch besondere Aufmerksamkeit hervorrief. Die Kinder des verstorbenen Bruders Ulrich Wolfgang hatten sich an die Museumsleitung gewandt, um eine private freimaurerische Sammlung begutachten zu lassen – verbunden mit der Absicht, dieses Erbe dem Museum zu stiften. Bereits die ersten Fotografien ließen erkennen, dass sich darunter außergewöhnliche Stücke befanden.
Bruder Ulrich Wolfgang, Jahrgang 1927, war Mitglied der Loge „Johannes zum wiedererbauten Tempel“ in Ludwigsburg, der er seit seiner Aufnahme 1972 eng verbunden blieb. Dort wirkte er über Jahrzehnte hinweg nicht nur als Redner, sondern von 1988 bis 1991 auch als Stuhlmeister. Darüber hinaus gehörte er der Düsseldorfer Loge „Die drei Verbündeten“ an. Beruflich führte Wolfgang eine Werbeagentur in Stuttgart; privat widmete er sich mit bemerkenswerter Leidenschaft der Geschichte der Freimaurerei – eine Leidenschaft, deren Spuren sich nun in Bayreuth in eindrucksvoller Dichte wiederfinden.

Schenkung aus dem Besitz des verstorbenen Bruders Ulrich Wolfgang an das Deutsche Freimaurermuseum. Foto: Museum
Zwischen Kristallprisma und Scheiterhaufen
Die Schenkung vereint kunsthandwerkliche Preziosen mit kulturhistorischen Dokumenten von erheblicher Aussagekraft. Zum Bestand gehören Kanonenminiaturen, ein Kristallprisma im feinsten Facettenschliff, ein englisches silbernes Teeservice, ein Meisterhammer aus Ebenholz sowie dekoratives Zierporzellan.
Besonders faszinierend ist jedoch die grafische Sammlung: Lithographien, Kupferstiche und historische Drucke öffnen einen Bilderkosmos zwischen Ritualsymbolik, politischer Allegorie und okkulter Imaginationswelt.
Ein Litho der Dresdner Loge um 1839 – gezeichnet von Julius Richter und lithographiert von Carl Wilhelm Arldt – verweist auf die repräsentative Selbstdarstellung der Freimaurerei im 19. Jahrhundert. Ein weiteres Blatt zeigt den Brand des Braunschweiger Residenzschlosses von 1830, ausgelöst durch aufgebrachte Bürger gegen Herzog Karl II. Zwar besitzt das Schloss selbst keinen direkten freimaurerischen Bezug, wohl aber die nachfolgende historische Konstellation: Herzog Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg unterstützte später die Gründung der Loge „Wilhelm zu den drei Säulen“ in Wolfenbüttel.
Geradezu dramatisch wirkt der Kupferstich „Supplice de Jacques Molai“, der die Verbrennung des letzten Templer-Großmeisters Jacques de Molay im Jahr 1314 zeigt – jenes historische Trauma, das in zahlreichen Hochgradsystemen der Freimaurerei symbolisch weiterlebt.
Cagliostro und die Sehnsucht nach verborgenem Wissen
Fast unvermeidlich führt der Weg solcher Sammlungen auch in jene schillernden Grauzonen zwischen Aufklärung und Okkultismus. Eine Grafik mit dem Titel „Séance magique de Cagliostro“ zeigt den berüchtigten Alessandro Graf von Cagliostro – eigentlich Giuseppe Balsamo –, dessen Mischung aus Alchemie, Wunderheilertum, Hochstapelei und Freimaurerei das Europa des 18. Jahrhunderts gleichermaßen faszinierte und irritierte.
Cagliostro gilt als Begründer der sogenannten ägyptischen Freimaurerei und verkörpert wie kaum eine andere Figur jene Epoche, in der Geheimbünde zu Projektionsflächen gesellschaftlicher Hoffnungen und Ängste wurden. Zwischen Rationalität und Mystik suchte Europa nach neuen Weltdeutungen – und die Logen waren oft Laboratorien dieser geistigen Suchbewegungen. Diese Spannung prägt auch die Handschriften der Sammlung.

Schenkung aus dem Besitz des verstorbenen Bruders Ulrich Wolfgang an das Deutsche Freimaurermuseum. Foto: Museum
Fragile Handschriften aus einer unruhigen Zeit
Zu den bedeutendsten Objekten zählen mehrere handschriftliche Ritualtexte auf handgeschöpftem Büttenpapier aus dem 18. und 19. Jahrhundert – fragile Unikate in deutscher Kurrentschrift, teils ergänzt durch französische Übersetzungen.
Eine 50-seitige Handschrift von 1841 enthält Auszüge aus den Ritualien der „Großen Loge und des Capitels von Herodon“ – einer frühen Schottenloge, deren Hochgradsystem bereits zahlreiche Grade des heutigen Schottischen Ritus vorwegnimmt. Besonders auffällig ist der starke Fokus auf Rittergrade und symbolische Initiationsstufen.
Daneben findet sich eine Handschrift zum heutigen 28. Grad, dem Sonnenritter („Chevalier du Soleil“), die detailliert dessen symbolische Bedeutung und rituellen Ablauf beschreibt.
Verständlich werden solche Texte erst vor dem Hintergrund des politischen Klimas jener Zeit. Das 18. Jahrhundert war ein Zeitalter tiefgreifender Übergänge: Absolutistische Herrschaftsmodelle trafen auf die Ideen der Aufklärung, während revolutionäre Umbrüche bereits ihre Schatten vorauswarfen. Gleichzeitig blühten Geheimbünde und esoterische Zirkel auf, die spirituelle, philosophische und gesellschaftliche Reformideen miteinander verbanden.
Die Rosenkreuzer und die verborgene Reform Europas
Besonders eindrucksvoll dokumentiert dies eine Handschrift des Ordens der Gold- und Rosenkreuzer. Die zwischen 1777 und 1787 entstandene Schrift enthält Instruktionen für „Adepti Minores“ – Angehörige höherer Grade – und gewährt seltene Einblicke in Denkweise und Organisation dieser einflussreichen esoterischen Bewegung.
Die Gold- und Rosenkreuzer verbanden Alchemie, Mystik und hermetische Traditionen mit einem umfassenden Anspruch geistiger Welterneuerung. Zeitweise infiltrierten sie sogar Teile der Freimaurerei – insbesondere über Hochgradsysteme und Doppelmitgliedschaften. Dass dies nicht immer im Sinne der aufklärerischen Ideale klassischer Freimaurerei verlief, gehört zu den spannungsreichen Kapiteln der Ordensgeschichte.
Eine weitere Handschrift zum sogenannten Solomonischen Grad führt tief hinein in die ritualisierte Wissenskultur der Zeit. Besonders bemerkenswert sind die Beglaubigungen der Abschrift, unterzeichnet unter anderem vom berühmten Mediziner Johann Anton Theden – Leibarzt Friedrichs II., Militärchirurg, Charité-Leiter und hochrangiger Freimaurer.

Schenkung aus dem Besitz des verstorbenen Bruders Ulrich Wolfgang an das Deutsche Freimaurermuseum. Foto: Museum
Friedrich der Große aus Porzellan
Fast wie ein heiterer Kontrapunkt zu den fragilen Manuskripten wirken die beiden Porzellanfiguren, die künftig die Hauptausstellung des Museums bereichern werden.
Die erste zeigt Friedrich II. von Preußen als Büste in Uniform der Potsdamer Garde – fein modelliert, detailreich bemalt und mit dem Schwarzen Adlerorden versehen. Hergestellt wurde sie 1967 von der Keramischen Manufaktur Rudolf Kämmer in Rudolstadt-Volkstedt.
Die zweite Figur stammt aus der Porzellanmanufaktur Goebel und zeigt einen galanten Freimaurer in Rokoko-Anmutung: mit Schurz, Zirkel, Schriftrolle und symbolisch aufgeladener Haltung an einer Halbsäule lehnend. Das Stück verbindet kunsthandwerkliche Eleganz mit jener bürgerlich-romantischen Vorstellung von Freimaurerei, wie sie besonders im 19. und frühen 20. Jahrhundert gepflegt wurde.
So unterschiedlich die Objekte dieser Sammlung auch erscheinen mögen – gemeinsam erzählen sie von der Sehnsucht nach Erkenntnis, geistiger Ordnung und symbolischer Selbstvergewisserung in bewegten Zeiten.
Das Deutsche Freimaurermuseum erhält damit weit mehr als eine Sammlung schöner Dinge. Es gewinnt ein kulturhistorisches Archiv europäischer Geistesgeschichte.
Bruder Ulrich Wolfgang und seine Sammlung
Bruder Ulrich Wolfgang (1927–2002) war Mitglied der Loge „Johannes zum wiedererbauten Tempel“ in Ludwigsburg sowie der Düsseldorfer Loge „Die drei Verbündeten“. In Ludwigsburg wirkte er über Jahrzehnte als engagierter Bruder, Redner und Stuhlmeister.
Beruflich arbeitete Wolfgang in der Werbebranche und führte eine eigene Agentur in Stuttgart. Privat widmete er sich intensiv der Geschichte der Freimaurerei und trug über Jahrzehnte eine außergewöhnliche Sammlung freimaurerischer Objekte, Grafiken und Handschriften zusammen.
Die nun dem Deutschen Freimaurermuseum gestiftete Sammlung umfasst unter anderem Porzellanfiguren, Ritualgegenstände, Kupferstiche, Lithographien sowie seltene Handschriften verschiedener Hochgradsysteme des 18. und 19. Jahrhunderts.
