Humanismus in schwierigen Zeiten
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„Halten die Säulen des Tempels stand und trägt das Fundament?“, fragte Wolfgang Böhm, Großredner der AFuAM, in seiner Zeichnung zum Großlogentag 2026 in Bremen. Die Freimaurerei bewahrt und vermittelt eine tradierte Weisheitslehre, die über die Zeit trägt. Sie ist aber auch immer wieder im kulturellen und gesellschaftlichen Kontext der Zeit zu lesen. In diesem Sinn war die Zeichnung zum GLT 2026 eine Reflektion des

Br. Wolfgang Böhm. Foto: privat
Selbstverständnisses und der Bedeutung einer humanistischen Haltung als Wertefundament in Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Spannungen.
Erich Fromm ging in seinen Texten zur Zukunft der Menschheit dem Thama nach, was Humanismus bedeutet, auch in Krisenzeiten, und was ihn gefährdet. Heute, rund 60 Jahre später, ist diese Frage so aktuell wie eh und je.
Als Verfechter des aufgeklärten Humanismus kommen auch wir nicht umhin, uns dem Thema zu stellen. Was bedeutet Humanismus? Was ist der Nukleus der Freimaurerei, was unser Selbstverständnis? Sind wir moralisierende Weltverbesserer oder praktizieren wir eine Werthaltung und streben nach Selbstentfaltung und Entwicklung der Persönlichkeit?
Welchen Einflüssen unterliegt die Idee der Freimaurerei im gesellschaftlichen Kontext? Welche Wirkung geht von ihr aus, vielleicht auch über die Zeit hinaus? Werden wir auch in schwierigen Zeiten unsere Ideale bewahren können? Und halten die Säulen stand, wenn unsere Werte, unsere Haltung, unser Bund möglicherweise unter Druck geraten?
Was bedeutet der Appell „Mensch werde wesentlich“, wenn doch Vertreter des Transhumanismus bereits darauf abzielen, die physischen, intellektuellen und psychischen Beschränkungen des Menschen durch Technologie zu überwinden, um hybride Wesen zu schaffen, die perfekt funktionieren. – Wollen wir das? Oder ist das dann das Ende eines Humanismus, wie wir ihn verstehen?
In welcher Gesellschaft also werden wir in 5 oder 10 Jahren leben und was bedeutet es dann, Freimaurer zu sein?
Humanismus ist eine Geisteshaltung und Weltanschauung die auf den Menschen gerichtet, und an Werten und der Würde des Menschen orientiert ist. Das ist im Grunde auch das Fundament des freimaurerischen Konzeptes.
Als Freimaurer achten wir die Würde des Einzelnen, die eigene wie die des anderen. Und wir beanspruchen, dass jeder seine Meinung äußern kann, ohne als Person diffamiert, ausgegrenzt oder angegriffen zu werden. – Das erfordert Toleranz.
Heute leben wir in einer pluralistischen Gesellschaft, international verbunden, wirtschaftlich, politisch und medial vernetzt und in gegenseitige Abhängigkeiten verwoben. Umso wichtiger ist es, dass wir in dieser komplexen und zunehmend volatilen Welt die nötige Toleranz aufbringen, uns auch in unserer Unterschiedlichkeit zuzulassen. – Gegenwärtig erleben wir eher das Gegenteil.
Der Soziologe und Sozialpsychologe Harald Welzer hielt vor kurzem einen bemerkenswerten Vortrag über Kultur und Ent-Zivilisierung. Die dann einsetzt, wenn der gesellschaftliche Konsens über grundlegende Werte und Regeln des Zusammenlebens verloren geht. Und vor mehr als einem Jahrzehnt wies der britische Soziologe Collin Crouch auf die Gefahr einer schleichenden Erosion der demokratischen Kultur hin. Auch das ist zu beobachten.
Das „mehr Demokratie wagen“, des Willy Brandt in den späten 60-er Jahren, war die Vision einer freieren Gesellschaft, Aufbruch einer jungen Generation, die den bürgerlichen Mief hinter sich lassen wollte, seine Politik ein klares Bekenntnis zu Frieden und Völkerverständigung. Wir hatten bisher das Glück, in einer weitgehend freien Gesellschaft zu leben. Nun müssen wir aber erkennen, dass diese Ordnung, das Gesetz das Freiheit gibt, angegriffen wird.
Dass dies nahezu widerstandslos hingenommen wird ist erschreckend, und zeigt in der Tat einen Prozess der Ent-Zivilisierung innerhalb demokratischer Gesellschaften. Peter Sloterdijk sprach vor Jahren von der narkotisierten Gesellschaft. Einer Gesellschaft, in der Bürger zu Konsumenten des politischen Geschehens geworden sind, ohne eigenen Impetus.
Unsere Zivilisation beruht ganz wesentlich darauf, dass wir ein Konzept des friedlichen und würdevollen Zusammenlebens gefunden haben. Einen Ordnungsrahmen zur Sicherung der individuellen Freiheit und Würde des Menschen.
Über hunderte von Jahren hinweg, haben die Menschen gelernt, die direkte Gewalt in eine Form höherer Kontrolle, der des Selbstzwangs und der Selbstbeherrschung, zu transformieren. Freiheit in einer zivilisierten Form heißt also nicht, dass es keine Zwänge mehr gäbe, sondern dass die Durchsetzung gesellschaftlicher wie persönlicher Interessen nicht durch Gewalt, sondern durch akzeptierte allgemeine Regeln und Gesetze erfolgt, und damit Konflikte auf der Grundlage des Rechts und auf dem Wege der Verhandlung gelöst werden können.
Die Ent-Zivilisierung, von der Welzer spricht, ist kein zwangsläufiger Prozess, der so hingenommen werden müsste. Er kann durchbrochen werden. Doch dazu braucht es emanzipierte Bürger mit Haltung. Menschen die selbstreflektiert und selbstbewusst, im Vertrauen auf die eigene Stärke, Haltung zeigen. In diesem Sinn ist Freimaurerei ein Angebot der Persönlichkeitsentwicklung und ein Konzept der Selbsterziehung.
Das ist der Weg der Meister. Meister seiner selbst zu sein bedeutet vor allem, das eigene Ego in Zaum halten zu können, zu lernen, auch die Unbill des Lebens zu ertragen ohne daran zu verzweifeln, und den Blick über sich und die Zeit hinaus zu lenken, ohne sich dabei zu verlieren.
Freimaurerei ist eine Schule des Lebens, die den ganzen Menschen anspricht, mit Herz und Verstand, sowohl als Individuum in seiner Einmaligkeit, wie als soziales und geistiges Wesen als Mitglied der Gemeinschaft. Ohne Dogma, ohne Ideologie – und das ist etwas Besonderes.
Als praktizierte Philosophie bietet Freimaurerei ein ethisches Fundament und Orientierung. Und sie vermittelt die Fähigkeit zu differenziertem, kritischem Denken, zu Toleranz und Mitmenschlichkeit. Damit hat sie durchaus gesellschaftliche Relevanz. Und doch ist Freimaurerei a priori eine persönliche, keine politische Angelegenheit.
Unsere Logen sind nicht nur Rückzugsorte der Innerlichkeit, sondern auch Orte der Selbstvergewisserung, die Rückhalt und Stärke geben können. Sie bilden dann sozusagen Kulturinseln in einer lauten, mehr und mehr verflachten medialen Welt. Damit leisten sie einen wertvollen Beitrag zur geistigen Entfaltung, denn wer mit anderen denkt, denkt weiter. Gerade junge Menschen, auf der Suche nach Identität und Orientierung zeigen zunehmend Interesse an unseren Inhalten. Für wirklich Interessierte müssen wir uns öffnen, auffindbar und ansprechbar sein. Allerdings sollten wir dem Interesse mit Inhalten und unspektakulär begegnen, und weder einem Sensationsjournalismus noch möglichen Verschwörungsmythen Futter geben.
Es gibt keine Bilder mehr davon, wie unsere Welt werden muss, sagte sinngemäß Peter Sloterdijk. Was aber eine Gesellschaft zusammenhält und über die Wirren der Zeit trägt, ist doch genau dies. Die gemeinsame Vorstellung einer erstrebenswerten Zukunft und die Rückbindung in einem gefestigten Wertefundament.
Gerade in Krisenzeiten sind Utopien gefragt. Der Tempel der Humanität ist die freimaurerische Utopie einer menschlicheren und menschenwürdigen Welt, die der Mensch allein schaffen kann. Diese Utopie ist konkret und sie ist real. Denn unser Topos Utopia der Humanität ist weder an einem fernen Ort, noch jenseits der Zeit zu suchen.
Das Ideal der Freimaurerei ist eine innere Utopie, denn das Potential der Menschlichkeit ist in uns bereits angelegt. Und solange wir daran festhalten, hält der Tempel stand. Auch in schwierigen Zeiten.
