Yom haShoah 2026: Berliner Brüder gedenken der ermordeten Freimaurer der Shoah
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Berlin. Am Gedenkort „Gleis 17“ am Berliner Bahnhof Grunewald erinnerten Berliner Freimaurerlogen aus der Tradition der humanitären Freimaurerei an ihre in der Shoah ermordeten Brüder und deren Angehörige. Das jährliche Gedenken stand zugleich im Zeichen der Trauer, der Erinnerung und der Verpflichtung, die Werte der Aufklärung auch heute sichtbar zu verteidigen.
Unserer in der Shoah von den Nationalsozialisten ermordeten Brüder und ihren Angehörigen haben wir, Brüder der Berliner Freimaurerlogen aus der Tradition der humanitären Freimaurerei der Großen Loge von Hamburg, am 19.04.2026 am Gedenkort „Gleis 17“ des Bahnhofs Grunewald gedacht. Ausdrücklich mit in das Gedenken einbezogen sind die Brüder und ihre Familienangehörigen, die aufgrund unvorstellbaren staatlichen und gesellschaftlichen Drucks, Diskriminierung und Ausgrenzung sowie nahender Deportation in die Konzentrations- und Vernichtungslager in ihrer Ausweglosigkeit den Freitod gewählt haben. Die Veranstaltung fand anlässlich des jüdischen Gedenktages Yom haShoah statt, der in Israel entsprechend dem 27. Nisan 5786 in diesem Jahr am 13. und 14. April begangen wurde. An der Gedenkfeier nahmen etwa 50 Brüder, Schwestern und Gäste teil.
Unser nunmehr jährliches Gedenken fand in diesem Jahr zum zweiten Mal statt und wurde von der Johannisloge Friedrich-Ludwig Schroeder Nr. 506 i.O. Berlin organisiert. Im vergangenen Jahr war die Johannisloge Victoria Nr. 492 i.O. Berlin Initiatorin und Ausrichterin der ersten Veranstaltung.
Fünf Berliner Logen tragen das Gedenken gemeinsam
Die weiteren am Gedenken teilnehmenden Logen sind:
- Johannisloge Hammonia zur Treue Nr. 496 i.O. Berlin
- Johannisloge Pestalozzi-Humanitas Nr. 530 i.O. Berlin
- Johannisloge Zum Spiegel der Wahrheit Nr. 532 i.O. Berlin
- Johannisloge Zu den Alten Pflichten Nr. 657 i.O. Berlin
Im kommenden Jahr wird die Loge Hammonia zur Treue Ausrichterin des Gedenktags sein. Das genaue Datum steht noch nicht fest, orientieren wird er sich erneut am Yom haShoah, der 2027 auf den 3. und 4. Mai fällt. Am Yom haShoah, dem Holocaust Martyrs’ and Heroes’ Remembrance Day, wird in Israel und durch Juden weltweit an die Opfer der Shoah und an den heldenhaften Widerstand erinnert – am Jahrestag des Beginns des Aufstandes im Warschauer Ghetto.
Um dies zu würdigen, haben wir um die Opfer der Shoah getrauert und zugleich des jüdischen Widerstandes gedacht – mit dem jiddischen Lied „Zog nit keynmol“ des Widerstandskämpfers und Musikers Hirsch Glick. Die Trauer, der Schmerz, aber auch die Stärke und Entschlossenheit, dies nie wieder zuzulassen, waren spürbar, als ein Bruder der Loge Zum Spiegel der Wahrheit, von Beruf Musiker, das Lied in seinen fünf Strophen auf Jiddisch a cappella sang. Es war ein starker, schöner und tief bewegender Moment.
Ein Lied des Widerstands
Nur beispielhaft seien hier die dritte und die letzte Strophe in deutscher Übersetzung wiedergegeben:
„Es wird die Morgensonne uns den Tag vergolden,
und die Nacht wird verschwinden mit dem Feind.
Doch wenn die Sonne noch am Horizont verbleibt,
soll dieses Lied wie eine Parole
von Generation zu Generation gehen.“
„So sag niemals, dass du den letzten Weg gehst,
auch wenn bleierne Himmel die blauen Tage verdecken.
Unsere lang ersehnte Stunde wird noch kommen,
unser Tritt wird dröhnen: Wir sind da!“
Namen, Schicksale und Erinnerung
Zuvor gedachten die Vertreter der Logen in ihren Wortbeiträgen der deportierten und ermordeten Logenmitglieder. Sie nannten stellvertretend einzelne jüdische Brüder und zeichneten die Umstände ihrer Verfolgung und Ermordung nach. Möglich ist dies auch aufgrund der aufwändigen Forschungen von Bruder Ingo aus der Loge Victoria, der die Schicksale der von den Nationalsozialisten verfolgten und ermordeten Brüder seiner Loge dokumentiert und in einem umfangreichen Gedenkbuch veröffentlicht hat.
Nach den Wortbeiträgen, dem Gebet „G’tt voller Erbarmen“ und dem Widerstandslied führte Bruder Ingo die Teilnehmenden entlang der Gleise. In Gesprächen berichtete er über Einzelschicksale und die Geschichte der von hier deportierten Brüder und ihrer Angehörigen. Die Gedenkenden umrundeten den Erinnerungsort „Gleis 17“ und legten schweigend Rosen in den maurerischen Farben Rot, Rosé und Weiß nieder.
Verantwortung im Hier und Heute
In seinem Wortbeitrag erinnerte Bruder Peter, Meister vom Stuhl der Loge Zum Spiegel der Wahrheit, an die Arbeit von Bruder Wolfgang Knoll, der bereits Anfang der 2000er-Jahre zu den Schicksalen jüdischer Brüder forschte. Durch sein Wirken seien zahlreiche Stolpersteine in Berlin verlegt worden; auch das heutige Gedenken sei ohne diese Vorarbeit kaum denkbar.
Bruder Carl, Meister vom Stuhl der Loge Victoria, betonte die Verantwortung der Freimaurer, sich dem Unrecht entgegenzustellen, wo immer es sichtbar werde – durch jeden Bruder „innerhalb des Zirkelschlusses seines Wirkungskreises“. Freimaurer sollten sich durch ihr Handeln im Alltag, in ihren Familien und im Berufsleben für die Würde und die universellen Grundrechte des Menschen einsetzen. Die maurerischen Werte Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Nächstenliebe und Toleranz könnten nur durch sichtbare Taten gegen antidemokratische und extremistische Kräfte verteidigt werden.
Auch Bruder Alexander von der Loge Hammonia zur Treue hob hervor, wie wichtig es sei, sich sichtbar und spürbar gegen Unrecht und Diskriminierung zu stellen. Er fragte die Gedenkenden:
„Wo stehen wir, wenn Menschen ausgegrenzt werden? Wie wachsam sind wir, wenn Sprache verroht, wenn Würde relativiert wird, wenn Minderheiten zum Problem erklärt werden?“

Gedenkort „Gleis 17“ am Berliner Bahnhof Grunewald für die in der Shoah von den Nationalsozialisten ermordeten Brüder und ihren Angehörigen. Foto: Loge Friedrich-Ludwig Schroeder i. O. Berlin
Das Schicksal von Bruder Alexander Czempin
Anschließend zeichnete Bruder Alexander den Lebensweg von Bruder Prof. Dr. med. Alexander Czempin nach, der stellvertretend für zahlreiche weitere ermordete Brüder und Angehörige seiner Loge steht. Mit großer Kraft habe sich Czempin dafür eingesetzt, die Logenstiftung während Inflation und Wirtschaftskrise wiederherzustellen, um Brüdern in Not zu helfen.
„Eine Bruderschaft zeigt sich nicht in Worten, sondern daran, ob sie trägt, wenn es schwierig wird“, zitierte Bruder Alexander den Verstorbenen. Tief erschütternd wirkte die Schilderung des Schicksals seiner Familie. Nach dem Freitod seines Sohnes und seiner Tochter schied auch Alexander Czempin am 1. März 1943 durch Freitod aus dem Leben.
So gedachten die historisch der Hamburger Lehrart verbundenen humanitären Berliner Freimaurerlogen auch 2026 des Leids und der Ermordung ihrer jüdischen Brüder und Angehörigen. Das Gedenken stand zugleich im Zeichen der Entschlossenheit, die Werte der Aufklärung heute und in Zukunft weiter zu verbreiten und zu stärken.
„Das Erbe zu hüten“
Nach der Umrundung des Gleises 17 erinnerte Bruder Andreas, Meister vom Stuhl der Loge Friedrich-Ludwig Schroeder, an Bruder Ludwig Müffelmann und dessen Gedicht zum Stiftungszweck humanitärer Logen aus dem Jahr 1910:
„Erhobenen Herzens wir denken der Zeit
Und versprechen, das Erbe zu hüten,
Das uns überliefert, der Menschheit geweiht
Zum Schutz gegen Vorurteils Wüten!“
Dieses von Bruder Ludwig Müffelmann formulierte Versprechen halten wir wach. In der Bruderkette sangen wir anschließend das Lied unseres Bundes.
