Zwischen Donau und Diskretion
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Bayreuth. Beim Besuch der Brüder aus der bulgarischen Donaustadt Russe im Bayreuther Logenhaus sprechen wir über Geschichte und Gegenwart, über kulturelle Brücken –um die Frage, wie eine Bruderschaft nach Jahrzehnten des Verbots wieder Wurzeln schlagen kann.
Die Gäste aus Bulgarien haben nicht nur ihre eigenen Rituale und Traditionen im Gepäck, sondern auch die Geschichte eines Landes, dessen Bruderschaft mehrfach beinahe ausgelöscht worden wäre.
„Unsere Loge Fürst Alexander I. von Battenberg ist benannt nach dem ersten Herrscher Bulgariens nach der Befreiung von 500 Jahren osmanischer Herrschaft“, erzählt Bruder Nikolay. Der Name sei bewusst gewählt worden, um die kulturelle und historische Bedeutung Battenbergs für das moderne Bulgarien zu würdigen.
Die Loge wurde am 12. Januar 2008 in Russe gegründet – jener Stadt an der Donau, die einst als modernste Metropole Bulgariens galt. „Russe galt früher als Klein-Wien“, sagt Nikolay. Der habsburgische Einfluss sei bis heute sichtbar – trotz der 1290 Kilometer Entfernung zur österreichischen Hauptstadt.
Eine deutsche Brücke an der Donau
Besonders bemerkenswert: Die Loge in Russe versteht sich ausdrücklich als deutschsprachige Loge. „Das Motiv war, eine Brücke zur deutschen Freimaurerei zu bauen“, erklärt Nikolay. Der Kontakt entstand über Bruder Emil, einen bekannten bulgarischen Freimaurer, der bei einem Besuch der Loge „Zum Goldenen Apfel“ in Eutin auf offene Türen stieß. „Wir wurden zum 230. Stiftungsfest eingeladen – und die Chemie mit dem Meister vom Stuhl, Peter Pflug, hat sofort gepasst.“
Dass ausgerechnet Deutschland beim Wiederaufbau der bulgarischen Freimaurerei eine wichtige Rolle spielte, ist historisch kein Zufall. Nach Jahrzehnten kommunistischer Unterdrückung halfen deutsche Brüder maßgeblich dabei, reguläre Logenstrukturen wieder aufzubauen. Großmeister Stefan Kunnert erinnert im Gespräch daran, dass auch in Ostdeutschland nach der Wende zahlreiche Logen neu gegründet wurden.
Die moderne bulgarische Freimaurerei entstand nach dem Zusammenbruch des Ostblocks praktisch neu. 1992 wurden die ersten drei neuen Logen in Sofia durch die Großloge Jugoslawiens eingesetzt. 1997 erfolgte – mit Unterstützung der Vereinigten Großlogen von Deutschland – die feierliche Wiedergründung der regulären Vereinigten Großloge von Bulgarien.

Bruder Nikolay von der deutschsprachigen Loge Fürst Alexander I. von Battenberg schildert die Gründungsgeschichte seiner Loge. Foto: Jürgen Herda
Die langen Schatten der Geschichte
Dabei reicht die Geschichte der bulgarischen Freimaurerei viel weiter zurück. Bereits im 19. Jahrhundert schlossen sich bulgarische Intellektuelle, Revolutionäre und Reformer europäischen Logen an. Die erste Loge auf bulgarischem Boden – „Balkan Star“ – wurde 1879 in Russe gegründet.
Viele prominente Vertreter der nationalen Wiedergeburt Bulgariens waren Freimaurer. Sie nutzten die Logen nicht nur als geistige Heimat, sondern auch als Plattform für liberale Ideen, Aufklärung und den Kampf um nationale Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich.
Doch die Geschichte verlief alles andere als geradlinig. Unter dem Einfluss faschistischer Strömungen und der Annäherung Bulgariens an das nationalsozialistische Deutschland wurde die Freimaurerei 1940 verboten. Während der kommunistischen Ära galten die humanistischen und demokratischen Ideale der Bruderschaft als staatsgefährdend. Viele Brüder wurden verfolgt oder zum Schweigen gebracht.
Qualität statt Quantität
Vielleicht erklärt genau das die vorsichtige Haltung, die viele bulgarische Brüder bis heute pflegen. „Wir versuchen so verdeckt wie möglich zu bleiben“, sagt Nikolay offen. Eine Website betreibe die Loge bewusst nicht. Kontakte entstünden fast ausschließlich über persönliche Beziehungen.
Die Mitgliederentwicklung verlaufe langsam, bewusst kontrolliert. „Unsere Loge verzeichnet etwa eine Aufnahme in 15 Monaten“, erklärt er. Derzeit habe man 14 Mitglieder. „Qualität statt Quantität.“ Voraussetzung seien Deutschkenntnisse, ein guter Ruf – und die Bereitschaft, sich auf den brüderlichen Weg einzulassen.
Man wolle Polarisierung vermeiden. „Es gibt solche, die auf Geschäftsmaurerei aus sind, und diejenigen, welche sich den brüderlichen Werten wirklich verbunden fühlen.“ Der Unterschied sei oft schnell spürbar.
Auch nach der Tempelarbeit in Bayreuth vergleichen die Gäste aufmerksam die kulturellen Eigenheiten. „Das Ritual ist anders“, stellen die Brüder fest. Von der Atmosphäre im Bayreuther Logenhaus, dem traditionsreichen Versammlungshaus der Freimaurerloge „Eleusis zur Verschwiegenheit“ und zugleich Standort des Deutschen Freimaurermuseums in idyllischer Lage direkt am Rande des Hofgartens, zeigen sie sich beeindruckt.
Wagner, Weltbürger und die Donau
Dass der Besuch ausgerechnet nach Bayreuth führt, passt erstaunlich gut zur Geschichte von Russe. Beide Städte verbindet auf sehr unterschiedliche Weise eine starke kulturelle Tradition.
Während die Bayreuther Gäste ihren bulgarischen Brüdern das Freimaurermuseum und die Stadt zeigen wollen, interessiert sich Musikliebhaber Eugen besonders für das Wagner-Museum. „Wir haben auch eine große Musiktradition“, sagt er nicht ohne Stolz.
Tatsächlich brachte Bulgarien mit Pantscho Wladigerow einen der bedeutendsten Komponisten Südosteuropas hervor – einen Musiker, der bulgarische Volksmusik mit europäischer Klassik verband und damit gewissermaßen dasselbe versuchte wie die Freimaurerei selbst: kulturelle Unterschiede nicht auszulöschen, sondern miteinander in Resonanz zu bringen.

Besuch von bulgarischen Brüdern der deutschsprachigen Loge Loge Fürst Alexander I. von Battenberg im im Bayreuther Logenhaus. Foto: Jürgen Herda
Die moderne bulgarische Freimaurerei blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück. Erste bulgarische Freimaurer wurden bereits im frühen 19. Jahrhundert in ausländischen Logen initiiert. Die erste reguläre Loge auf bulgarischem Boden entstand 1879 in Russe unter dem Namen „Balkan Star“.
1917 gründete sich eine eigenständige Großloge Bulgariens. Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Freimaurerei jedoch verboten, später auch vom kommunistischen Regime strikt verfolgt. Erst nach dem Zusammenbruch des Ostblocks begann der Wiederaufbau.
1997 wurde mit Unterstützung der Vereinigten Großlogen von Deutschland die heutige Vereinigte Großloge von Bulgarien neu eingesetzt. Heute arbeitet sie nach traditionellen regulären Regeln und ist international anerkannt.
Besonders traditionsreich bleibt die Donaustadt Russe. Dort befinden sich unter anderem die historische Loge „Balkan Star“ sowie die deutschsprachige Loge „Fürst Alexander I. von Battenberg“.
