Würde – was ist das eigentlich?
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Zeichnung anläßlich des Bruderabends am 21. April 2026
(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.
(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.
(3) Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.
Würde, was ist das eigentlich? Br.: R.: hat uns letztens gefragt: “Humanismus, was ist das eigentlich?“ Kommt mir ein alter Spruch in den Sinn: „…das Einfache, das schwer zu machen ist…“ Würde scheint ein ebenso facettenreiches „Ding“ zu sein. Oder sollten wir es mit einer Zwiebel vergleichen, Schichten über Schichten?
Zunächst, vielleicht fangen wir wie immer zunächst mit der historischen Herleitung an. Wikipedia schreibt: „sprachgeschichtlich mit dem Wort „Wert“ verwandt und bezeichnete anfänglich den Rang, die Ehre, das Verdienst oder das Ansehen einer Person“, und leitet uns damit gleich zum „Würdenträger“, dem Inhaber eines Amtes, oder wenigstens eines besonderen Verdienstes, das ihn auszeichnet und das in der Regel mit bestimmten Privilegien einhergeht. Ist das aber das, was das GG meint? Wikipedia schreibt weiter, und ich meine, hier einen Widerspruch zum oben gesagten zu finden: „Der Unterschied zu Ehre oder Ruhm ist zu beachten: Während Ehre und Ruhm einen äußeren, etwa durch eine Gesellschaft vermittelten Wert darstellen, liegt der Wert der Würde im Inneren eines jeden Menschen selbst.“ Insofern ist der Würdenträger eher ein Ruhmesträger… denn das, was das GG ganz offensichtlich meint, ist doch eben NICHT das Heraushebende, sondern das Gleiche, das ganz Fundamentale. Das, was man allein durch sein Dasein mitbringt, noch ohne etwas getan zu haben.
Also nochmal zur historischen Herleitung.
Zweifellos gibt es Begriffe, die wir im weiteren Sinne heute mit „Würde“ assoziieren würden, bereits in der Antike. Ohne das vertiefen zu wollen, wird sie dort aber weitgehend eben mit Ruhm, Ehre und insofern mit herausgehobenen Persönlichkeiten, spezifisch großen Kriegern und großen Staatsmännern assoziiert – keinesfalls mit dem Menschen an sich. Vielleicht erstmals 1496 schreibt Giovanni Pico della Mirandola (1463-1494, wir erinnern uns: 1492 wurde Amerika entdeckt) in seinem laut Wikipedia wohl wichtigsten Werk „Über die Würde des Menschen“ sinngemäß: Daher ist der Mensch „ein Werk von unbestimmter Gestalt“. Alle übrigen Geschöpfe sind von Natur aus mit Eigenschaften ausgestattet, die ihr mögliches Verhalten auf einen bestimmten Rahmen begrenzen, und demgemäß sind ihnen feste Wohnsitze zugewiesen. Der Mensch hingegen ist frei in die Mitte der Welt gestellt, damit er sich dort umschauen, alles Vorhandene erkunden und dann seine Wahl treffen kann. Damit wird er zu seinem eigenen Gestalter, der nach seinem freien Willen selbst entscheidet, wie und wo er sein will. Hierin liegt das Wunderbare seiner Natur und seine besondere Würde, und insofern ist er Abbild Gottes. Er ist weder himmlisch noch irdisch. Daher kann er gemäß seiner Entscheidung zum Tier entarten oder pflanzenartig vegetieren oder auch seine Vernunftanlage so entwickeln, dass er engelartig wird.
Ich nehme mit: Würde ist eine unzureichend definierte Eigenschaft spezifisch des Menschen, die irgendwie mit seiner Fähigkeit, Entscheidungen über sein Schicksal zu treffen, vergesellschaftet ist.
Albert Camus (1913-1960) leitet die Menschenwürde eher indirekt her: wenn (!) und indem wir uns solidarisch gegen ein bestimmtes, uns unterdrückendes Prinzip auflehnen („Revolte“), dann anerkennen wir, dass es gemeinsame, unter Umständen auch nicht hinreichend definierte Werte gibt (welche Revolte vermag schon genau zu sagen, wogegen und vor allem, wofür sie sich denn nun in letztem Detail richtet), die wir als uns gemeinsam anerkennen. Diese Werte interpretiert er als Würde. Und er benennt gleich zwei meines Erachtens sehr kritischen Punkte zum Verhältnis von Revolte und Würde.
Zum Einen, in dem Moment, wo die Revolte an Anderen, oder auch an den Eigenen, das opfert, wofür einzutreten sie vorgibt (Würde), verliert sie ihre Legitimation. Camus benennt in seiner Zeit Stalin und die Jakobiner, aber es ist uns heute natürlich nur zu klar, welche Parallelen ich ziehe.
Und zum Anderen das, was er Institutionelle Gleichgültigkeit nennt. Jedes Handeln an Anderen, das sich nur auf Sachzwänge, auf abstrakte Prinzipien, auf „das System“ gründet, ist für ihn entwürdigend. Camus’ Argumentation bringt mich aber zu einem wichtigen Punkt, den das GG so nicht benennt: Würde hat nur anteilig eine streng individuelle Bedeutung, sozusagen eine Eigenschaft. Anteilig manifestiert sie sich erst in der Interaktion von Individuen.
Ich nehme mit: in einem andere Sinn ist Würde ein gesellschaftliches Produkt, die Beschreibung einer Art, sich untereinander in Beziehung zu setzen, eben „zu werten“. Und wir werden sehen, dass in diesem Beziehungsgeflecht zwei andere Dinge resultieren: Rechte, und Pflichten.
Um es zu illustrieren: nehmen wir Robinson Crusoe (veröffentlicht 1719, Daniel Defoe [1660-1731]). Als Mensch hat er, auch allein auf seiner Insel, nach unseren heutigen Vorstellungen eine menschliche Würde. Er lebt allein, und es ist an ihm, seine Würde zu manifestieren. Das ist das, was Pico della Mirandola als Basis nimmt: im Gegensatz zu den anderen Wesen dieser Welt hat der Mensch eine Entscheidungsfreiheit über sein Handeln. Dies allein schon verleiht ihm Würde. Für mich ist dies die Würde, die im §1 GG gemeint ist: angeboren, fundamental.
Er kann sich auflehnen gegen die unbarmherzigen Bedingungen seines Seins. Er muss es aber nicht, ob und inwieweit er es tut, ist seine persönliche Entscheidung. Er kann Nahrung suchen, er kann seine Blöße zu bedecken versuchen, er kann seine Exkremente an einem separaten Platz von sich geben. Indem er es tut, auch in aussichtsloser Situation, „schafft er sich Würde“, wie Camus sagen würde – diese Schicht von Würde ist aber zweifellos bereits etwas anderes, die nächste Schicht nach der „eingeborenen Würde“. Wenn er die Optionen nicht zieht, oder nicht ziehen kann, verhält er sich in einer Art, die ein Beobachter vielleicht als „würdelos“ bezeichnen würde. Ohne indes formal seine menschliche Würde nach §1 GG zu verlieren… Welchen Beobachter es in der geschilderten Situation allerdings nicht gibt. Und wenn es ihn gäbe, was passierte?
Lassen wir die Kannibalen auf Robinsons Insel landen. Wie viele Szenarien sind vorstellbar! Robinson hat aufgegeben, vielleicht weil er keine Kraft mehr hatte, vielleicht, weil er sich ein Bein gebrochen hat. Nach 10 Jahren lebt er wie ein wildes Tier. Den Kannibalen, denen UNSER Verständnis von Würde ohnehin fremd ist, ist er nur ein Tier, sie schlagen ihm den Schädel ein und haben ein Festmahl. Seine Würde hat keinen Wert. Giorgio Agamben (1942 – heute) sagt: „Würde ist konditional, nicht fundamental“, und Hannah Arendt: „Würde ohne Institution ist schutzlos“.
Oder, Robinson hat nicht aufgegeben, und das „Glück des Tüchtigen“ war ihm hold, und er hat sich eine bescheidene aber, wie wir sagen würden, doch „menschenwürdige“ Existenz aufgebaut. Die Kannibalen erkennen ihn als ihresgleichen, und da er noch die Tochter des Häuptlings gerettet hat, hat er gute Karten… falls nicht vorher das Schiff der Europäer ihn aufgreift. Er wird gerettet, und im Range eines Hilfsmatrosen zurück nach Europa gebracht. Es ist noch nicht ganz das 20. Jahrhundert. Er hat keinen Pass, er spricht die Sprache nicht, er hat kein Eigentum. Er wird im Hafen von Bord gewiesen. Er geht zum Hafenverwalter… und es passiert nichts. Keine Institution gibt ihm Hilfe, auch wenn sie anerkennen, dass er eine arme Sau ist.
Hannah Arendt schreibt: „Der Staatenlose hat formal Würde, aber kein einklagbares Recht darauf“. Wir könnten auch formulieren, seine MENSCHENRECHTE (die letzten Endes nichts anderes bedeuten, als dass er einen Anspruch darauf hat, dass die verschiedenen Aspekte seiner Würde berücksichtigt werden) würden nicht respektiert. Ein interessanter Aspekt springt hier aber doch ins Auge: wenn er EIGENTUM hat, das heißt, wenn die Matrosen ihm nicht alles weggenommen haben, wenn der Goldhändler, zu dem er geht, ihn nicht betrügt, so kann er sich mit seinem Eigentum in seine Würde „einkaufen“.
Weil wir schon bei den Romanen sind: „Der Graf von Monte Christo“ (1844-1846, Alexandre Dumas [1802-1870]). Es ist nicht der Respekt von der Menschenwürde, vor den Menschenrechten, die es dem rechts- und würdefreien entflohenen Sträfling Edmond Dantes ermöglichen, seinen Rachefeldzug anzutreten. Diejenigen, denen Dantes’ Würde und Menschenrechte nicht egal sind, haben selbst nicht die Mittel, ihm zur Durchsetzung seiner Rechte, zur Manifestation seiner Würde zu verhelfen. Und es lässt sich aus dem Buch durchaus herauslesen, dass es ihnen dabei allenfalls um „Barmherzigkeit“ geht als um Würde – ein Konzept, das Dumas ebenso fremd gewesen sein dürfte wie seinem Buchhelden. Dabei formuliert doch Immanuel Kant (1724-1804) bereits 1785 explizit den Begriff der Würde (er ordnet ihn, analog della Mirandola, dem Vernunftbegabten Wesen Mensch zu) und sinngemäß „Menschen als Zweck-an-sich-selbst, niemals bloßes Mittel“, und er war berühmt genug, dass Dumas ihn gekannt haben könnte. Würde, Menschenrechte, selbst Barmherzigkeit sind Dantes’ Gegenspielern völlig egal. Nein, es ist ihre Gier, ihre bedingungslose Anerkennung des Primats des EIGENTUMS, die ihm dazu verhelfen, wieder in ein menschenwürdiges Leben einzutreten. Und die letztendlich zum Untergang seiner Gegenspieler führen.
Karl Marx sagt: „Würde wird zur Privatsache, Eigentum zur Systemachse“. Es ist allerdings auch zu bemerken, dass diese Überbewertung des Eigentums eine Spezifik der westlichen Lebensart zu sein scheint – allerdings fehlen mir Kenntnisse um Zeit, um diese These im Vergleich zu anderen Philosophien zu untermauern.
Da haben wir also die Würde entwickelt – und wissen nicht mehr als vorher, denn benannt haben wir noch immer nichts. Wenn wir aber sagen, die Manifestation der Würde findet sich in den Menschenrechten, dann können wir dort zumindest im Umkehrschluss Informationen bekommen, was die Würde denn ausmachen sollte. Sehen wir also in…
Die allgemeine Erklärung der Menschenrechte (Resolution 217A (III) der Generalversammlung vom 10. Dezember 1948)
§1… alle Menschen sind gleich an Würde…
§2… jeder hat Anspruch auf die … Rechte und Freiheiten…
§3… jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und die Sicherheit der Person….
§4… niemand darf in Sklaverei oder Leibeigenschaft gehalten werden….
§5… niemand darf der Folter oder grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung… unterworfen werden…
§6… jeder hat das Recht, überall als rechtsfähig anerkannt zu werden…
§7… Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich… …
§11.2… niemand darf …verurteilt werden, die (Tat) zur Zeit ihrer Begehung nach innerstaatlichem oder internationalem Recht nicht strafbar war…
§17.1… Jeder hat das Recht…Eigentum innezuhaben
§17.2… Niemand darf willkürlich seines Eigentums beraubt werden.
Et cetera
Bemerkenswert scheint, dass weder im der Deklaration noch im GG ein Wertigkeitsverhältnis zwischen verschiedenen Rechten beschrieben wird. Es ist allerdings historisch als auch juristisch belegt, dass die „Würde“ zumindest formal als die Basis unserer Gesetzgebung, §1 GG, gesehen wird: sowohl in den Protokollen der Entwicklung des GG, als auch der Ewigkeitsklausel, als auch in einschlägigen Urteilen des BVG wird festgestellt, dass §1 die Wurzel aller Grundrechte ist. Sie steht nicht zur Abwägung. Sie ist die vorstaatliche Voraussetzung, auf der der Staat aufbaut. Übrigens ist das nicht selbstverständlich: lediglich Deutschland, Südafrika und Ungarn arbeiten das historisch so explizit heraus – in allen anderen Staat ist „Würde“ lediglich ein Aspekt unter vielen, beziehungsweise zum Beispiel in der Schweiz ist die „Würde der Kreatur“ Gesetzesbegriff in Art 120 der Bundesverfassung.
Was mir auch fehlt, ist die andere Seite der Menschenrechte, der Menschenwürde: nämlich wenn ich der Würde des Anderen Raum einräume, oder auch zu verschaffen suche, wenn sie denn verletzt wird, so erwachsen daraus Einschränkungen für mich oder Dritte: wir nennen dies „Pflichten“, und sie werden mir zu wenig betont. Der Versuch von Helmut Schmidt und seinen Mitdenkern, in Analogie zur „Deklaration der Menschenrechte“ eine „Deklaration der Menschenpflichten“ zu etablieren, scheiterte 1997 in der UNO. Im GG selbst etwa gibt es einen ganzen Abschnitt unter der Überschrift „Grundrechte“, aber es werden keine „Grundpflichten“ definiert. So etwas gibt es nur herabgestuft, zum Beispiel im SGB V, der Erkrankte hat an der Wiederherstellung seiner Arbeitsfähigkeit mitzuwirken, oder Regelungen zu unterlassener Hilfeleistung. Mir scheint, ohne mich hier wirklich auszukennen, wir haben ein Unmenge Gesetze zum detaillierten Schutz nachrangiger Werte, zum Beispiel des Eigentums, aber wenige zum Schutz der Würde des Einzelnen – und wo wir sie haben, sind sie nicht beliebt, zum Beispiel Asylbewerbergesetz. An dieser Stelle ist unbedingt Simone Weil (1909-1943) zu benennen, die in Ableitung des Rechtes auf Würde eine absolute Pflicht zur Hilfe postuliert. Nach Weil schaffen Rechte eine Sprache der Macht, der Forderung anderen gegenüber, und dem damit verbundenen Missbrauchspotential. Eine Pflicht zur Hilfe, allein basiert auf der Anerkennung der Würde des Anderen, schränkt hingegen solche Übergriffigkeit ein – was im Einzelfall allerdings durchaus zu diskutieren sein kann: was ist Hilfe, was ist Bevormundung? Wichtig bleibt jedenfalls der Kantsche Imperativ: behandle Dein Gegenüber jederzeit als Zweck an sich, niemals nur als Mittel.
Am Ende ist Würde gleichzeitig Vieles. Etwas, was wir in der westlichen Welt einerseits als etwas „Gegebenes“ ansehen. Andererseits aber etwas, dessen Form und Verständnis von unserer Art, miteinander umzugehen zu wollen (!) moduliert wird. Etwas, dessen Anerkennung unsere Art, miteinander umzugehen, definieren kann und sollte. Etwas, das mit dem Rechtsapparat , den wir uns geschaffen haben, in engster Weise verflochten ist. Letztlich etwas, das wir immer wieder neu hinterfragen und dessen Konsequenzen für unser Tun wir jederzeit im Auge haben sollten. Eine Zwiebel im besten Sinne, die uns oft genug zu Tränen treibt. Und um die Frage vom Anfang, die nach dem Humanismus, noch einmal aufzugreifen – ist Würde das Substrat des Humanismus? Leben, arbeiten wir „humanistisch“, wenn eigene und fremde Würde das Ziel sind? Oder müssen wir am Ende konstatieren, dass wir mit Transzendentem jonglieren, hier wie da?
Wie auch immer, wenn wir uns auffordern: “Wehret dem Unrecht, wo es sich zeigt, kehrt niemals der Not und dem Elend den Rücken, seid wachsam auf Euch selbst!“, so geht es dabei um Würde: unsere, und die derjenigen, mit denen wir zu tun haben. Ich bin stolz zu sagen, dass in diesem Sinne wir Freimaurer ganz vorn am §1 GG, an Kant und wie sie allen heißen, arbeiten.
Meine Brüder, meine Zeichnung ist beendet.
